Rückkehr des Lügenbarons

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Karl-Theodor zu Guttenberg will zurück in die Politik. In Bayern könnte er Horst Seehofer beerben. Der einst beliebteste Minister Deutschlands inszeniert sich als Gegenbild zur Kanzlerin, ist jedoch wie sie ein überzeugter Atlantiker und im Kriegstreiben noch hemmungsloser.

Ein Hauch von Wrestling wehte durch das Bierzelt auf dem Gillamoos-Volksfest im bayrischen Abensberg. Wummernd dröhnten Bässe aus überdimensionalen Lautsprechern. Die Musik – eine Kampfansage: «Cause I‘m T.N.T., I‘m dynamite, and I‘ll win the fight.» Dem Mann, der hier Anfang September auf die Bühne stieg wie in einen Boxring, war frenetischer Applaus gewiss: Karl-Theodor zu Guttenberg.

2009 war er schon einmal auf dem Gillamoos, einem der ältesten bayrischen Jahrmärkte, rockte schon dort mit einer AC/DC-Coverband. Damals gehörte der Adelsspross bereits zur Kanzlerreserve. Gemeinsam mit Ehefrau Stephanie dominierte er als Gutti die Titelseiten der Boulevardpresse. Doch dann mutierte der Hoffnungsträger zur Supernova – hell aufgeleuchtet, schnell verglüht – dazu später mehr. Sechs Jahre nach seinem Abgang von der Berliner Bühne ist der einstige Hoffnungsträger der CSU wieder da.

Offiziell hielt sich der Abkömmling eines bis ins Jahr 1149 zurückreichenden Blaublütergeschlechts im Wahlkampf noch vornehm zurück. Rein ehrenamtlich helfe er der CSU mit neun Auftritten beim Bundestagswahlkampf, betonte der 45-Jährige stets. Er trage die «bayerische Heimat im Herzen», und der Freistaat «wird auch zu einem gewissen Zeitpunkt wieder meine Heimat sein», rief er etwa 1.500 Zuschauern in Neustadt an der Waldnaab zu. Doch gegenwärtig habe er keinerlei politische Ambitionen – nicht in München und schon gar nicht in Berlin. Sein Lebensmittelpunkt liege in den USA. Es sei denn, «Trump treibt mich heim».

Erfüllte KT, wie seine Fans ihn nennen, an Isar und Donau tatsächlich nur die Pflicht eines treuen Parteisoldaten? Zumindest mit Blick auf die kommende Bundesregierung steht ein Comeback wohl nicht auf der Tagesordnung. «Zum einen muss man so etwas viel länger vorbereiten. Außerdem ist nicht klar, wie gut er bei den Wählern in ganz Deutschland ankommt», meint der Parteienforscher Oskar Niedermayer. Zwar kokettierte CSU-Chef Horst Seehofer am 10. September damit, Guttenberg an Angela Merkels Kabinettstisch bugsieren zu können, denn dieser spiele «in einer eigenen Liga». Doch dagegen spricht die Koalitionsarithmetik. Neben dem Innenministerium – für das Joachim Herrmann als gesetzt gilt – dürfte die CSU lediglich das Landwirtschaftsressort und wahrscheinlich die Entwicklungshilfe übernehmen. Beide Häuser sind wenig attraktiv für den kameraaffinen Freiherrn.

Peter Ramsauer, Angela Merkel und von und zu Guttenberg 2008. © Michael Panse,

Seehofers Kronprinz

Wahrscheinlicher ist der Wiedereinstieg Guttenbergs in Bayern, dessen Landtag im Herbst 2018 neu gewählt wird. Immerhin verfügt Seehofer über keinen Wunschnachfolger, seit die einstige Kronprinzessin Ilse Aigner die Gunst des 68-jährigen Landesvaters verlor. Als aussichtsreichster Kandidat gilt derzeit Markus Söder, doch Seehofer empfindet eine kaum verhohlene Abneigung gegen seinen Finanzminister. Stattdessen könnte der CSU-Chef seinen alten Ziehsohn Guttenberg ins Spiel bringen, den er bereits 2008 zum Generalsekretär der Partei befördert hatte. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung soll das erneute Techtelmechtel schon 2015 begonnen haben. Ohne Risiko ist diese Strategie nicht, denn der Rückkehrer müsste sich «in einen Machtkampf mit Söder begeben», meint Niedermayer. So belässt es der Ingolstädter dann auch vorerst bei Andeutungen, will den verlorenen Sohn in die CSU «Schritt für Schritt wieder einordnen». Vermutlich als erstes plant er für die kommenden Monate schon mal eine Kabinettsumbildung: «Es gilt, Dinge zu optimieren.»

Dass der einstige christsoziale Fixstern erneut aufgeht, kommt nicht überraschend. Seine mit Nachdruck vorangetriebene Karriere bis 2011 und die wenig überzeugende berufliche Neuorientierung nach dem Karriereknick sprechen dafür. Als 30-Jähriger war Guttenberg 2002 erstmals in den Bundestag eingezogen. Im Januar 2009 ernannte Merkel ihn zum Bundeswirtschaftsminister. Nach der Bundestagswahl am 27. September – in Kulmbach erhielt er mit 68 Prozent das bundesweit beste Erststimmenergebnis – avancierte der Franke zum bislang jüngsten Verteidigungsminister. Als Oberbefehlshaber in Friedenszeiten sorgte Guttenberg mit Ehrlichkeit für Aufsehen: So könne man mit Blick auf die Bundeswehrmission in Afghanistan «umgangssprachlich von Krieg» reden, brach der Minister im März 2010 ein Tabu. Dabei hat das Wort Krieg in Guttenbergs Ohren wohl keinen schlechten Klang. So müsse der «Zusammenhang von regionaler Sicherheit und deutschen Wirtschaftsinteressen offen und ohne Verklemmung angesprochen werden», forderte der Minister auf der Berliner Sicherheitskonferenz im November 2010. Dass der Freiherr damit Militärinterventionen meinte, hat er später bestritten.

Nur drei Monate danach stürzte Guttenberg ab. Am 16. Februar 2011 kursierten erste Meldungen, er habe in seiner 2007 angenommenen Dissertation Quellen nicht kenntlich gemacht – also abgeschrieben. Bereits am 23. Februar entzog ihm die Universität Bayreuth den Doktortitel. Eine Woche später musste Guttenberg als Verteidigungsminister gehen und räumte auch seinen Sessel im Bundestag.

Der Atlantiker

Für die erste Reihe war Guttenberg nach dem Skandal verbrannt, obwohl er sogar nach seinem Rücktritt noch die Rangliste der beliebtesten Politiker mit 73 Prozent anführte. Er musste untertauchen, um später sauber auf die Bühne zurückkehren zu können. Zunächst verpasste sich Guttenberg ein neues Image: Gigolofrisur und Maßanzug wichen Drei-Tage-Bart und Jeans. In New York gründete der Ex-Minister die Beraterfirma Spitzberg Partners und lobbyierte ein wenig für das umstrittene Freihandelsabkommen CETA. Vor allem jedoch besann sich der Freiherr seines zweiten Netzwerks neben der CSU: der Seilschaften der Atlantiker.

 


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