Selbst schuld! … Oder?

von Herbert Ludwig

Wie gehen wir mit der dunkelsten Epoche unserer Geschichte um? Und wie stehen wir zu den Bombenopfern in unseren Städten? Anmerkungen zur deutschen Gedenkkultur.

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!
Johannes 8, 7

Der jährliche Gedenktag der Stadt Pforzheim an die verheerende britische Bombardierung der Stadt am 23. Februar 1945, bei der in ca. 20 Minuten mehr als 17.600 Menschen den Tod fanden, ist seit Jahren durch zwei sich konträr gegenüberstehende Ereignisse gekennzeichnet: die offiziellen Gedenkfeiern der Stadt auf dem Hauptfriedhof bzw. dem Marktplatz und die Fackel-Mahnwache des als rechtsextrem eingestuften Freundeskreises „Ein Herz für Deutschland“ auf dem Wartberg. Das Gedenken der Stadt stellt das nationalsozialistische Deutschland in den Mittelpunkt, das die alleinige Schuld am 2. Weltkrieg trage und letztlich diese Bombardierung herbeigeführt habe. Die Veranstalter der Fackel-Mahnwache sehen die Toten als Opfer des kriegsverbrecherischen alliierten Bombenterrors.

Es ist natürlich richtig, diese Feiern mit einem mahnenden Gedenken an das menschenverachtende Terror-Regime des Nationalsozialismus zu verbinden. Doch es ist einseitig. Es ist aber auch richtig, dass diese furchtbare Bombardierung Pforzheims durch britische Bomberverbände, die sich auf die barbarische Vernichtung der Zivilbevölkerung richtete, objektiv ein Kriegsverbrechen war. Doch alleine nur daran zu erinnern, ist ebenfalls einseitig. Beides gehört in eine Feier. Und würde die Stadt beider Faktoren zugleich gedenken, wäre dem Aufmarsch der Fackelträger, die als Bürger der Stadt zu Recht die mahnende Erinnerung an die Verbrechen der Briten erwarten, weitgehend der Boden entzogen.

Nur das Ganze ist die Wahrheit (Hegel)

Durch die Erinnerung daran, dass die Bombardierung ein Kriegsverbrechen der Briten war, werden die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht „relativiert“, wie oft oberflächlich argumentiert wird, wobei dem Begriff „relativieren“ die negative Bedeutung „verharmlosen“ untergeschoben wird.

„Relativieren“ (von lat. relatio = Beziehung) heißt: etwas in Beziehung zu etwas anderem setzen. Denn nichts besteht isoliert für sich, sondern alles in der Welt steht mit vielem anderen in Beziehung. Eine isolierte Betrachtung ist künstlich einseitig, reißt etwas aus dem Zusammenhang, in dem es in der Wirklichkeit steht. Mit ihm muss man es wieder in Beziehung setzen. Dadurch wird die absolute Geltung einer Sache, die es nicht gibt, auf das Maß zurückgeführt, das ihr im Gesamtzusammenhang zukommt, eben relativiert, und in ihrer tatsächlichen Bedeutung erkannt. Auf „The Free Dictionary“ im Internet heißt es treffend: „etwas (durch etwas) relativieren: etwas in einem größeren Zusammenhang und meist so in der richtigen Perspektive sehen: Alte wissenschaftliche Erkenntnisse werden durch neue meist nicht aufgehoben, sondern relativiert“. (Vgl. „Kampf ums historische Bewusstsein“)

„Relativierung“ ist also eine wissenschaftliche Notwendigkeit. Wer sie bekämpft, bekämpft die Erkenntnis der Wahrheit. Denn „nur das Ganze ist die Wahrheit“, wie Hegel immer wieder betonte. Die Raffinesse besteht darin, dass dem Namen des eigentlichen Begriffs „Relativierung“ die negative Bedeutung des Begriffes „rechtslastige Verharmlosung“ untergeschoben, er insofern diskreditiert, und, mit diesem Virus besetzt, in seiner eigentlichen positiven Wirksamkeit ausgeschaltet wird. Umgekehrt werden durch die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus aber auch die Verbrechen der Briten nicht verharmlost.

Die Bombardierungen auf die deutschen Städte hatten mindestens ab Herbst 1944, als der Krieg praktisch entschieden war, nicht primär militärische Objekte zum Ziel.

„Der rationale Bombenkrieg, geführt mit dem Ziel, die deutsche Rüstungsindustrie zu treffen, Verkehrsadern zu durchtrennen und die Lufthoheit über dem Kriegsgebiet zu erringen, war zumindest auf britischer Seite in ein militärisch unsinniges, verbrecherisches Abschlachten von Zivilbevölkerung übergegangen“, schrieb Peter Carstens am 24.2.2015 in der FAZ.

Die gebürtige Pforzheimer Historikerin Ursula Moessner-Heckner belegt in ihrem Buch „Pforzheim – Code Yellowfin“ nach intensiven Studien

„der einschlägigen Dokumente in Militärarchiven von London und Washington und anderen wichtigen Archiven Englands und der USA …, dass weder Vergeltung, noch die Pforzheimer Rüstungsindustrie die ausschlaggebenden Gründe für den Angriff der Alliierten waren. … Aus alliierter Perspektive gesehen, war Pforzheim militärisch und rüstungs-wirtschaftlich von geringer Bedeutung. … Die alliierten Zielkomitees gaben Pforzheims Industrien die niedrigste industrielle Einstufung, nämlich Stufe drei – , die Industrien von geringer Wichtigkeit für die deutsche Rüstungsindustrie bezeichnete.“[1]

Und wörtlich schrieb die Wissenschaftlerin weiter:

„Ich fand, dass die Wahl Pforzheims, wie auch die anderer Städte, als Ziel der Zerstörung zu diesem Zeitpunkt stark vom Zufall beeinflusst wurde, wie auch von dem Faktor, dass Pforzheim eine ältere Stadt mit engen Straßen und Gassen und einem leicht brandanfälligen Stadtkern war, sich gut für einen Flächenangriff eignete. Und letzten Endes musste ich zu dem tragischen Fazit kommen, dass der Angriff ein Terrorangriff war.“

Churchill sprach vom „Terror-Bombing“

Es ging um die großflächige Vernichtung möglichst vieler deutscher Zivilisten, eine Absicht, die auch aus vielen Äußerungen des britischen Kriegspremiers Winston Churchills spricht:

„Kurz nach der Jalta-Konferenz (5.-11. Februar 1945) wiederholte Churchill 1945 zudem öffentlich, was er damals bereits intern gesagt hatte. Deutschland brauche seine Ostgebiete nicht mehr, „da weitere sechs oder sieben Millionen Deutsche im nächsten Jahr umkommen würden.“[2]

Der britische The Telegraph schrieb am 13.2.2015 in einem Artikel unter der Überschrift: „Dresden was a civilian town with no military significance. Why did we burn ist people?“: [3]

„Unterstützer von Großbritanniens „Flächenbombardements“ (gegen Zivilisten, anstelle von militärischen oder industriellen Zielen) behaupten, dass es ein wichtiger Teil des Krieges war. Churchill schrieb, dass er „absolut verheerende, vernichtende Angriffe durch sehr schwere Bomber dieses Landes auf das Nazi-Heimatland“ wollte. In einem weiteren Brief nannte er es `Terror-Bombing`.“

Eine Sprengbombe trifft immer nur an einem Punkt auf. Eine Großstadt wäre mit Sprengbomben allein nicht mit vertretbarem Aufwand zerstörbar, und viele Menschen kämen noch mit dem Leben davon, fand die britische Führung. Ein Brandbomben-Angriff schafft dagegen ein großes Vernichtungsareal. Millionen abgeregnete Stabbrandbomben erzeugen einen Raum, in dem kaum noch Leben stattfinden kann, in dem die Hitze mit ca. 1.700 ° so stark ist, dass man keine Luft mehr bekommt. Die heiße Luft steigt so rasch nach oben, dass unten ein Vakuum entsteht, in das Luft nicht so schnell nachströmen kann. Der ungeheuren Sog zieht den Sauerstoff aus den Kellern, in denen die Menschen ersticken, und der Sturm, der dadurch entfesselt wird, reißt die Menschen außerhalb mit und schleudert sie wie Puppen hinein in die Flammen.[4]

Der Historiker Jörg Friedrich, Autor des Buches „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“, weitet das Szenario noch aus: Britische und amerikanische Jagdflugzeuge gingen ab Herbst 1944 noch speziell „auf eine Menschenjagd“, „auf alles, was sich am Boden bewegte“. Er bringt das Beispiel von Überlebenden der „Gustloff“. Vor der Roten Armee nach Swinemünde geflohen, lagerten sie zusammen mit Tausenden anderen Vertriebenen in den Kurparks des Badeortes.

„Und die US-Bomber tun in Swinemünde das, was sie in ganz Deutschland tun. Nicht nur, dass sie den Park bombardieren, sondern sie tauchen auch hinunter und mähen diese Bevölkerung, schwangere Frauen, mit Maschinengewehren nieder.“[5]

Das haben die britischen Alliierten auch in Pforzheim gemacht. Vor ca. 20 Jahren las ich in einer Ausgabe der Pforzheimer Zeitung, dass am Tag nach dem Pforzheimer Feuersturm Überlebende in der Bleichstraße an einem Suppenwagen anstanden, als britische Tiefflieger kamen und viele niedergemäht haben.

Ich selbst habe das als Fünfjähriger bei Marburg auf dem Felde mit meinem Großvater auch erlebt. Wir warfen uns in eine Ackerfurche, als Jagdflugzeuge nahten und 10 m über uns hinwegdonnerten. Zum Glück haben sie nicht geschossen. Aber andere Dorfbewohner sind auf dem Feld erschossen worden, und ein Nachbarjunge wurde von einer Maschinengewehrsalve getroffen, als er aus der Tür schaute.

Es waren Kriegsverbrechen und Verbrechen wider die Menschlichkeit, selbst dann, wenn Nazi-Deutschland ähnliche Verbrechen gegen England begangen hat. Gandhi bezeichnete dieses Vorgehen der Alliierten als „HITLER mit seinen Waffen bekämpfen, und das Ende ist, daß sie HITLER mit HITLER übertroffen haben.“[6] Beide Seiten in einer angeblich christlichen westlichen Welt sind auf demselben moralischen Niveau. Ein edler Hindu wendet sich da ab mit Grausen.

Die Benennung des britischen Kriegsverbrechens ist kein Hass und kein Verzicht auf Versöhnung. Das schonungslose Anschauen der ganzen Wahrheit ist erst die Voraussetzung von Verzeihung und wirklicher Versöhnung. Auf Verzerrung und Lüge lässt sich keine Versöhnung aufbauen, weil im Untergrund Verdrängtes unaufgearbeitet zurückbleibt.

Die Wurzel deutscher Geschichtsschreibung

Die Beziehung (Relation) zwischen Großbritannien, bzw. der britischen Elite und dem Nazi-Regime in Deutschland hat noch eine ganz andere historische Dimension. Doch diese wird von der herrschenden Geschichtsversion ausgeblendet. Die Geschichtsschreibung ist der zweite Triumph der Sieger über die Besiegten“, schrieb schon der französische Philosoph Michel de Montaigne aus dem 16. Jahrhundert. Und der britische Feldmarschall Bernard L. Montgomery soll nach dem 2. Weltkrieg fast gleichlautend formuliert haben: „Die Geschichtsschreibung ist immer der zweite Sieg des Siegers über den Besiegten.“

So ist die Geschichtsschreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg im Überleitungsvertrag von 1954, Artikel 7, an die Darstellungen im Urteil des Nürnberger Tribunals gebunden worden. Die beamteten Historiker in den staatlichen Hochschulen müssen sie lehren, wenn sie ihre Stellung nicht verlieren wollen, und die Kultusministerien sind in Bezug auf die Zulassung der Schulbücher darauf verpflichtet. Das hat die „Vereinbarung“ vom 27./28.9. 1990 zum Zwei-plus-Vier-Vertrag verlängert und gilt bis heute.[7] Das ist eben den wenigsten bekannt.

Die herrschende Geschichtsschreibung der beiden Weltkriege hat entsprechend mit einem Tunnelblick den Fokus fast ausschließlich auf die Taten Deutschlands gerichtet und blendet weitgehend aus, was die anderen beteiligten Mächte dazu beigetragen haben und was sich parallel in ihren Ländern bereits im Vorfeld des Krieges abgespielt hat. Das hat mit Wissenschaft natürlich nichts zu tun, sondern mit politischer Tabuisierung bzw. Dogmatisierung. Wissenschaftler werden hier zu willfährigen Knechten der Macht. Wenn man den Anteil jedes Landes zu einem Gesamtbild zusammenträgt, wird nicht das geleugnet oder verkleinert, was auf das Konto Nazi-Deutschlands geht, sondern der Gesamtumfang der Wahrheit in den Blick genommen und in Beziehung zueinander gesetzt. Denn: „Nur das Ganze ist die Wahrheit.“

Das Geld der Wall Street

Historiker, die bisher ausgeklammerte Aspekte und Perspektiven einzubringen versuchen, werden noch immer systematisch rechtsaußen eingeordnet und gesellschaftlich diskreditiert. Unter hohem persönlichem Risiko und Opfer müssen sie ihre Forschungsergebnisse in kleinen Verlagen, wenig beachtet, veröffentlichen. Der britisch-amerikanische Wirtschaftshistoriker Anthony Sutton hat bereits 1976 in seinem Buch „Wall Street und der Aufstieg Hitlers“ auf interessante Zusammenhänge aufmerksam gemacht. In der Verlagsankündigung des im Basler Perseus-Verlag auf Deutsch erschienenen Buches heißt es:

„Während die Halbwahrheit, dass der Hitlerismus mit Hilfe der amerikanischen Streitkräfte 1945 besiegt wurde, in alle Köpfe gehämmert wurde, bleibt die andere Hälfte der Wahrheit, dass derselbe Hitlerismus nur mit Hilfe westlicher (britisch-amerikanischer) Kapitalhilfe überhaupt aufgebaut werden konnte, bis heute ein Tabu akademischer Geschichtsschreibung.“[8]

Sutton belegt, dass Hitler und die NSDAP nicht nur von deutschen Industriellen, sondern auch gezielt in erheblichem Umfang von Wallstreet-Finanziers finanziell unterstützt und gefördert wurden, deren Aufstieg zur Macht sonst nicht möglich gewesen wäre. Auch „der Beitrag des amerikanischen Kapitalismus zu den deutschen Kriegsvorbereitungen vor 1940 kann nur als phänomenal beschrieben werden. Er war mit Sicherheit von entscheidender Bedeutung für die deutschen militärischen Fähigkeiten“, schreibt er (S. 23).

Sutton wird bestätigt und in Bezug auf die Machenschaften der britischen Elite ergänzt durch die Forschungsarbeit des amerikanischen Wissenschaftlers Guido Giacomo Preparata mit dem Titel „Wer Hitler mächtig machte. Wie britisch-amerikanische Finanzeliten dem Dritten Reich den Weg bereiteten“, die 2010 im selben Verlag auf Deutsch erschienen ist. Preparata nimmt im Vorwort das Ergebnis seiner Forschungen vorweg und konstatiert,

„dass sich die angelsächsischen Eliten über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren (1919-1933) in die deutsche Politik in der bewussten Absicht einmischten, eine reaktionäre Bewegung hervorzubringen, die sie dann als eine Art Pfand in ihren geopolitischen Intrigen verwenden konnten. … Damit soll nicht gesagt werden, dass England die Hitlerbewegung ersonnen hätte; es hat aber (von Versailles an) die Bedingungen geschaffen, unter denen ein solches Phänomen erscheinen konnte, und hat sich in der Folge der Aufgabe gewidmet, die Nationalsozialisten finanziell zu unterstützen und bis an die Zähne zu bewaffnen, in der Erwartung, sie anschließend manipulieren zu können. Ohne diese systematisch und reichlich gewährte ´Protektion` von Seiten der angloamerikanischen Eliten, zusammen mit der Stärkung von Seiten Sowjetrusslands, hätte es keinen Führer und keine Nazibewegung gegeben.“

Es geht nicht um Verharmlosung oder Verfälschung

Wesentliche Linien beider Bücher sind in vorangegangenen Artikeln auf GEOLITICO dargestellt worden.[9] Der Zweite Weltkrieg war nicht die Folge des Nationalsozialismus, sondern dieser war ein von der britischen Elite aufgebautes Instrument, den Krieg glaubhaft herbeizuführen. Die wahren Absichten der Briten lassen z.B. auch die folgenden Äußerungen führender Persönlichkeiten erkennen. So sagte der Historiker und Generalmajor J.F.C. Fuller:

„Nicht die politischen Lehren Hitlers haben uns in den Krieg gestürzt. Anlaß war der Erfolg seines Wachstums, eine neue Wirtschaft aufzubauen. Die Wurzeln des Krieges waren Neid, Gier und Angst.“[10]

Deutschland müsse vernichtet werden, das gehörte zu den Überzeugungen, mit denen Winston Churchill bereits 1934 den emigrierten Heinrich Brüning in England begrüßte.[11] Und zu einem Beauftragten des deutschen Widerstandes sagte der Kriegspremier Churchill während des Krieges:

„Sie müssen sich darüber klar sein, daß dieser Krieg nicht gegen Hitler oder den Nationalsozialismus geht, sondern gegen die Kraft des deutschen Volkes, die man für immer zerschlagen will, gleichgültig, ob sie in den Händen Hitlers oder eines Jesuitenpaters liegt.“[12]

Als Hitler die deutsche Wehrmacht Polen angreifen ließ, worauf England Deutschland den Krieg erklärte, sagte der britische Außenminister Lord Halifax in London:

Jetzt haben wir Hitler zum Krieg gezwungen, so dass er nicht mehr auf friedlichem Wege ein Stück des Versailler Vertrages nach dem anderen aufheben kann.“[13]

Um es noch einmal zu betonen: Es geht nicht um eine Verharmlosung des verbrecherischen Nazi-Regimes und seiner Machtpolitik. Es kann aber auch nicht um deren Verfälschung und erst recht nicht um eine Verharmlosung der britischen Machtpolitik gehen.

Gedenkkultur in Pforzheim

Auf der Gedenkfeier am 23. Februar 2016 sagte der Oberbürgermeister Pforzheims Gerd Hager (SPD) u.a.:

„Diese Erinnerung ist schmerzlich. Schmerzlich auch, weil wir wissen, was zu diesem 23. Februar geführt hat. Wir wissen, was diesem Tag vorausgegangen ist. Wir wissen, dass dieser Krieg, der im Februar 1945 auch unsere Stadt in der schrecklichsten Weise erreicht hat, von Deutschland ausgegangen ist. Von einem nationalsozialistischen Deutschland, das mit diesem Krieg millionenfachen Mord und Tod, Vertreibung und Elend verursacht hat und mit dem Holocaust ein Menschheitsverbrechen begangen hat, dessen Ausmaß all unsere Vorstellungskraft übersteigt.
Darum tun wir uns immer schwer mit dem Gedenken. Überall in diesem Land – und auch in unserer Heimatstadt Pforzheim. Denn auch hier hat es Menschen gegeben, zu viele Menschen, die das nationalsozialistische Regime – auch schon von Anfang an – unterstützt oder in Kauf genommen haben. Und es hat hier wie andernorts zu wenige gegeben, die sich dagegen gestellt haben. Viel zu wenige.“[14]

Ein deutscher Parteipolitiker hat hier den Tunnelblick der herrschenden Geschichtsschreibung tief verinnerlicht und befolgt ihn politisch korrekt. Das heißt, er lebt nicht in der historischen Wirklichkeit. Von der Komplexität der Geschichte mit ihren verschiedenen Ebenen, Dimensionen und Verflechtungen, ihrer Tragik hat er keine Ahnung. Für ihn gibt es nur die einfache monokausale Linie von Ursache und Wirkung, Schuld und Folge. Und wer Nationalsozialist war, trägt Mitschuld am Krieg. Darum tut er sich schwer mit dem Gedenken. Schmerzlich ist ihm daher die Erinnerung. Etwas später sagt er zwar:

„Mit Schuldzuweisungen kommen wir dabei nicht weiter. Wir müssen vielmehr aufpassen, selbst nicht schuldig zu werden.“

Doch unausgesprochen schwingt der Vorwurf mit, die Pforzheimer Bevölkerung sei letztlich selbst schuld an ihrem Untergang gewesen. Er kann sie nicht mit ungeteiltem Schmerz als Opfer barbarischer britischer Verbrechen – die zu erwähnen er auch peinlich vermeidet – beklagen. Sie sind eher Mittäter und Mitläufer nationalsozialistischer Verbrechen, die letztlich die Folgen auch auf sich selbst gezogen haben.

Auch ein anderer Parteipolitiker, Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), sprach vor kurzem dieselbe Gesinnung aus, nur deutlicher:

„Dresden war keine unschuldige Stadt, das wurde wissenschaftlich ausgewertet.“

Und:

„Es gibt immer noch Versuche, die Geschichte umzudeuten und Dresden in einem Opfermythos dastehen zu lassen.“

Also die Geschichte steht fest, „wissenschaftlich“ festgestellt. Da kann es gar keine anderen Erkenntnisse mehr geben. Wer etwas anderes bringt, will die Geschichte nur umdeuten, also verfälschen. Und das können dann nur unverbesserliche Rechtsaußen sein. Aber ein wahrer Geschichtswissenschaftler weiß von dem Vorläufigen, Fragmentarischen, Ergänzungs-, und vielleicht auch Korrekturbedürftigen seiner Forschungen. Er hat es in der Geschichte seiner eigenen Zunft schon zu oft wahrgenommen.

Wo ist die Schuld?

Wo ist die Schuld in den oben skizierten Dimensionen der geschichtlichen Ereignisse? Bei den Briten oder den Deutschen? Natürlich bei beiden. Die Schuld der gigantischen weltpolitischen Intrigen der anglo-amerikanischen Eliten hebt die Schuld der Deutschen nicht auf. Aber diese steht zu jener in einer bestimmten Beziehung (Relation), wird durch sie relativiert. Die eine kann nicht ohne die andere behandelt werden, wenn nicht die Geschichte verfälscht werden soll.

Doch gibt es die Schuld einer ganzen Stadt, weil dort neben Gerechten, Schlafschafen, Gleichgültigen, unschuldigen Kindern, Gefangenen auch stramme Nationalsozialisten lebten? Schuld ist persönlich, individuell, sie ist menschlich, wie alle Schuld. Sie beruht zumeist auf eingeschränkter Sichtweise, auf Irrtum, Unbildung, tragischer Verstrickung, Verführung, Verblendung und Angst, die ein Terror- und Spitzelregime hervorbringt.

Karl Jaspers bezeichnete den Nationalsozialismus als den Einbruch des Dämonischen in die Menschenwelt. Dessen suggestiver Überwältigung konnten sich viele nicht entziehen. Zugelassen haben es in erster Linie die geistverlassenen Intellektuellen und Politiker Deutschlands, die die spirituelle Hochkultur der Deutschen der Goethezeit verraten und ein geistiges Vakuum bereitet hatten, in das das Dämonische hineinfahren konnte.

Es ist leicht, aus sicherem Abstand als „Heutige“, die „an den NS-Verbrechen von damals keine persönliche Schuld“ haben, wie der OB anschließend bemerkt, „sich schwer zu tun mit dem Gedenken“. Und da passiert es leicht, dass eine versteckte, in Schmerz gekleidete Selbstgerechtigkeit angesichts der ungeheuren geschichtlichen Tragik nicht umfassendes Mitleid mit den Umgekommenen empfindet, sondern noch nachträglich „mit Steinen wirft“.

 

Anmerkungen

[1] Pforzheimer Zeitung vom 23.2.1995 „Zerstörung Pforzheims war ein Terrorangriff“

[2] Brief Heinrich Brünings 26.10.1945, zitiert nach Stefan Scheil: Churchill, Hitler und der Antisemitismus 2009, S. 99

[3] http://www.telegraph.co.uk/history/world-war-two/11410633/Dresden-was-a-civilian-town-with-no-military-significance.-Why-did-we-burn-its-people.html

[4] Vgl. Jörg Friedrich in der WELT vom 21.11.2002

[5] http://www.webarchiv-server.de/pin/archiv02/4802ob39.htm

[6] http://zitate-aphorismen.de/zitat/die-vereinigten-staaten-zogen-aus-hitler/

[7] Vgl. Gerd Schultze-Rhonhof: Der Krieg, der viele Väter hatte, München, 2. Aufl., S, 12-13

[8] Anthony Sutton: Wallstreet und der Aufstieg Hitlers, Basel 2014

[9] Das Geld, das Hitler ermöglichte, GEOLITICO

[10] Generalmajor J.F.C. Fuller, Historiker, England „Der Zweite Weltkrieg“, Wien 1950

[11] Vgl. Stefan Scheil, Churchill, Hitler und der Antisemitismus, Berlin 2009, S. 105

[12] Kleist, Peter „Auch du warst dabei“, Heidelberg, 1952, S. 370 und Emrys Hughes, Winston Churchill – His Career in War and Peace, S. 145

[13] „Nation Europa“, Jahrgang 1954, Heft 1, S. 46

[14] http://cdn.pf.webseiten.cc/fileadmin/user_upload/ob_hager/2016/ob_rede_23_2_2016_hauptfriedhof.pdf


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