Selbstversorgung?

Von (real)Asmodis

Es gibt immer wieder Menschen, welche eine Selbstversorgung propagieren und sich selbst als Selbstversorger bezeichnen. Ich halte das für eine (Selbst-) Täuschung, für einen schönen Traum. Teilselbstversorgung – ja, natürlich, das geht. Aber komplette Selbstversorgung? Nein, nicht machbar! Das soll auch einmal begründet werden.

Unsere Gesellschaft ist heute ein durch und durch vernetztes System. Jeder hängt irgendwie und irgendwo vom anderen ab. Selbstversorgung würde bedeuten, diese Abhängigkeit aufzugeben und sich komplett auszuklinken. Betrachten wir dazu nur mal die grundlegenden Bedürfnissse eines solchen Aussteigers, als da wären

– Wasserversorgung,
– Nahrungsversorgung,
– Stromversorgung,
– Wärmeversorgung,
– Gesundheitsversorgung,
– Transport und
– Entsorgung.

Beginnen wir mit dem Wasser.

Wohl dem, der eine klare und saubere Quelle vor der Haustür hat – aber wer hat das schon? Klar, man kann selbstverständlich Regenwasser sammeln. Aber das ist zum Genuss mindestens zu filtern und abzukochen, außerdem empfiehlt es sich, das mit Mineralstoffen (also z. B. einer Handvoll Erde o. ä.) anzureichern.

Dann aber muss es durch Dekantieren, Filtern und Kochen erneut gereinigt werden. Außerdem benötigt man hinreichend große Wasserspeicher, um auch mal zwei Monate mit wenig Niederschlag überbrücken zu können. Zum Waschen reicht allerdings das unaufgereinigte Brauchwasser völlig aus. Habe ich alles schonmal durchgezogen. Im Endeffekt bedeutet das sehr viel Schlepperei und stundenlange Arbeit. Gut, man muss ja nicht ständig dabei bleiben. Die Zeit zwischen den einzelnen Arbeitsschritten braucht man aber für andere Dinge.

Die Nahrungsversorgung macht noch sehr viel mehr Arbeit.

Mit dem Sammeln von Beeren und Früchten ist es nämlich keineswegs getan. Um hinreichend viel zum Essen zu haben ist ein ziemlich großer Nutzgarten unerlässlich. Das bedeutet graben, harken, kultivieren, sähen, ernten und was der Dinge mehr sind: Wochen- und monatelange Knochenarbeit!

Außerdem sind dabei die Wintermonate zu überbrücken u. d. h. die Nahrung muss konserviert werden, bspw. durch Trocknung, Einkochen usw. Das allein ist nochmal wochenlange Arbeit! Zudem wird Lagerraum benötigt. Wer darüber hinaus noch auf Tiere setzt, der muss auch die Tiere versorgen (oder jagen) und schlachten können. Damit aber sind wir bereits beim Full-Time-Job! Man kann aber nicht alles manuell erledigen – jedenfalls nicht ohne Hilfskräfte. Oder ohne Strom.

Die Energieversorgung

Der Strom muss irgendwo herkommen. Man kann ihn selbst erzeugen – aus der Sonne oder aus dem Wind oder per Muskelkraft. Dann jedoch muss der gespeichert und rationiert werden. Er steht nicht mehr, wie man es heute gewohnt ist, im Überfluss zur Verfügung. Die zur Stromversorgung notwendigen Gerätschaften aber sind Ge- und Verbrauchsgegenstände. D. h. sie gehen irgendwann einmal kaputt. Wohl dem, der dann über Ersatzteile verfügt und über das Wissen, so etwas selbst reparieren zu können.

Die Wärmeversorgung

Der Dreh- und Angelpunkte bei der ganzen Sache. Sie dient nicht nur sporadisch zu Heizzwecken, sondern wird permanent für die Trinkwasseraufbereitung sowie für die Nahrungszubereitung und -konservierung benötigt. Die simpelste Art der Wärmeversorgung geschieht durch das Verbrennen von Holz. Doch das muss erstmal da sein. D. h. Bäume fällen, sägen, spalten, hacken, trocknen. Das ist noch ein Full-Time-Job und ebenso wie die Gartenarbeit auch reine Knochenarbeit. Wer’s effektiver möchte, der wendet sich der Köhlerei zu: Noch ein Full-Time-Job!

Kommen wir zur Gesundheitsversorgung.

Glücklich, wer sich mit Käutern und Naturheilmitteln auskennt und so etwas auch zur Verfügung hat, denn Mutter Natur hat dem Menschen schon Jahrhunderttausende geholfen, lange bevor die Pharmaindustrie auf den Plan getreten ist. Doch vor einer Behandlung steht die Diagnostik. Welcher Otto Normalverbraucher ist schon Arzt genug, um eine Erkrankung zweifelfrei diagnostizieren zu können, um dann erst in Folge eine geeignete Behandlung einzuleiten? Außerdem – auch das gilt es zu bedenken – können heute leicht kurierbare Erkrankungen ohne funktionierendes Gesundheitssystem schnell tödlich werden. Als Beispiele seien nur ein vereiterter Zahn (in Folge Sepsis) oder eine Blinddarmentzündung genannt.

Die Transportaufgaben

Der Transport stellt ein weiteres Problem bei der Selbstversorgung dar. In Zeiten vor der Motorisierung benutzte man dazu Pferdewagen und Ochsenkarren, doch wo findet man heute noch Zugtiere? PKW und LKW scheiden nämlich über kurz oder lang aus, spätestestens dann, wenn kein Treibstoff mehr zur Verfügung steht.

Transportaufgaben wird der Selbstversorger folglich binnen kürzester Frist durch eigene Muskelkraft u. d. h. mittels Handkarren oder Fahrradanhänger bewerkstelligen müssen. Derartige Transportmittel fassen nicht viel und sind folglich ineffektiv. D. h. das kostet Zeit, denn viele Wege sind mehrfach zu bewältigen. Welche Wege? Das Einbringen von Heizmaterial, vielleicht auch Wasser und Nahrung, Baustoff usw. Sowie das Ausbringen von Abfällen.

Das Entsorgungsproblem

Das Ausbringen von Abfällen fällt in den Bereich der Entsorgung, denn wo Menschen leben, da wird immer auch ein gewisser Anteil an Müll produziert werden. Asche aus Holzfeuern bspw. ist ein hervorragender Dünger für den Nahrungsmittelanbau.

Organische Reste wie z. B. Essensabfälle müssen, damit sie keine Tiere anlocken, möglichst weit von der Unterkunft tief genug vergraben werden: Reine Knochenarbeit, ebenso wie das Ausheben einer einfachen Latrine, die angesichts von Geruchsbelästigungen und Fliegen auch in hinreichendem Abstand zu realisieren ist (man denke dabei auch an schweres Gerät erfordernde Baumwurzeln).

Bleibt noch das Abwasser, aber das ist vielleicht sogar das geringste Problem, denn mit einer Rechteck- oder Graben-Pflanzenkläranlage bekommt man das ziemlich sicher sauber. Allerdings müssen derartige Anlagen immer auch erst einmal konzipiert und angelegt werden. Sie erfordern Platz.

Berücksichtigt man all diese (wichtigsten) Gegebenheiten, so ist der Schluss unausweichlich, dass die völlige Selbstversorgung (vielleicht mit Ausnahme einer Einzelperson in einer geradezu paradiesischen Umwelt) NICHT möglich ist.

Etwas anders dagegen sieht es aus, wenn mehrere Menschen – mithin also eine (dörfliche) Gemeinschaft – Hand in Hand zusammenarbeiten und KEINE Faulpelze in Gestalt von elitären Abzockern durchfüttern müssen.

Die Währung einer derartigen Gemeinschaft bestünde aus Arbeitskraft und Lebensmitteln, wobei alle Beteiligten zwangsläufig gleichberechtigt sein müssen und setzt einen geeigneten geografisch-biologisch-klimatologischen Rahmen voraus. Aber auch das ist in unserer verstädterten bzw. auf Städte fixierten Welt heute eher die ganz große Ausnahme. Von der kompletten Selbstversorgung können wir uns daher getrost verabschieden.

Was bleibt? Die Teilselbstversorgung und die Vorratshaltung, um z. B. mal drei Wochen auf sich selbst gestellt überbrücken zu können. Danach wird es dann kritisch und daran ändern auch beschönigende Aussagen von Ökofreaks herzlich wenig!


Quelle und Kommentare hier:
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