Türkisches Frankfurt – wo die Deutschen in der Unterzahl sind

von Rossijskaja Gaseta

Während die Kontroversen zwischen den potenziellen Mitgliedern der neuen deutschen Regierungskoalition wegen der Flüchtlingsquoten ihre Gespräche behindern, will Kanzlerin Angela Merkel einen neuen außenpolitischen Berater ernennen. Den Posten wird voraussichtlich Jan Hecker bekleiden, schreibt die Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ am Donnerstag.

Der 50-Jährige hatte während der 2015 ausgebrochenen Flüchtlingskrise den zuständigen Koordinierungsstab der Bundesregierung geleitet. Hecker teilt voll und ganz die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin.

Inzwischen hat die Zahl der in Frankfurt lebenden Zuwanderer nach Angaben der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die 50-Prozent-Schwelle überschritten: Auf sie entfallen in der Finanzmetropole laut der jüngsten Volkszählung 51,2 Prozent, während die Deutschen in der Unterzahl geblieben sind. Zwar haben hier schon immer viele Immigranten gelebt, aber jetzt zeugen selbst die statistischen Angaben davon. Die größte Diaspora ist die türkische, gefolgt von Einwanderern aus den Balkan- und Mittelmeer- und mitteleuropäischen Ländern.

Dabei hat sich die Situation seit 2012 in dem Sinne grundsätzlich verändert, dass sich die meisten Immigranten inzwischen legitimiert haben. Das habe zu einem neuen soziokulturellen und demografischen Phänomen geführt, das noch erforscht werden muss. Die Leiterin des Integrationsdezernats im Stadtrat, Sylvia Weber (SPD), nannte Frankfurt

„eine Stadt ohne Mehrheit“, die „aus mehr oder weniger großen Minderheiten“ bestehe.

Tatsächlich lässt sich dieser Trend in ganz Europa beobachten. BBC hatte noch vor vier Jahren die Angaben eines Berichts von Experten von der Universität Manchester angeführt, laut denen nur 45 Prozent der Einwohner Londons sich zu „weißhäutigen Briten“ zählen würden. Dieselbe Situation sei in Leicester und Luton entstanden.

Dass es in vielen Städten Frankreichs, Belgiens, der Niederlande und auch Deutschlands „Migrantenviertel“ gibt, die von den Ordnungskräften kaum kontrolliert werden, wurde nach mehreren Terroranschlägen in Europa offensichtlich. Zum „klassischen“ Beispiel dafür wurde Molenbeek bei Brüssel, wo viele Organisatoren des Anschlags in Paris im November 2015 lebten.

Die Nachrichtenagentur dpa berichtete neuerdings, dass die deutschen Konsulate in Beirut (Libanon), Amman (Jordanien), Erbil, Ankara, Istanbul und Izmir (Türkei) immer neue Anträge auf Familienzusammenführung erhalten, vor allem von Syrern und Irakern, deren Familienväter sich bereits in Deutschland aufhalten. Bislang stellte das Bundesaußenministerium etwa 102.000 solche „Familienvisa“ aus. Noch mehr als das: Bis 2018 wäre Berlin bereit, weitere 100.000 bis 200.000 solche Visa zu vergeben.

Nicht umsonst ist die Flüchtlingsfrage der Stein des Anstoßes bei den Koalitionsverhandlungen. Kanzlerin Merkel trat vehement gegen die Einführung von gewissen Quoten für aufzunehmende Zuwanderer auf. CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer bestand aber auf einer Zahl von 200.000 pro Jahr (inklusive der Ausländer, die im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland kommen). Die Grünen, die sich ebenfalls an der neuen Koalition beteiligen könnten, erklärten jedoch, sie würden so etwas nie akzeptieren.


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