Uni heute: „Gesinnungsterror, Fanatismus und Tugendwächter“

DAV-Interview von Peter Schmidt
mit Professor Jörg Baberowski *)

“Es gibt in der Demokratie immer die Möglichkeit, nein zu sagen.”

Peter Schmidt **): Wer den Gesinnungsterror an den Universitäten beobachtet, den systematisch betriebenen Rufmord an Menschen und Meinungen, fühlt sich fatal an die chaotischen Zustände an den Universitäten in der Zeit zwischen 1968 und ca. 1978 erinnert. Täuscht der Eindruck?

Jörg Baberowski: Ja, dieser Eindruck täuscht. Die überwiegende Mehrheit der Studenten ist freundlich, offen und tolerant. Das Internet gibt Fanatikern die Möglichkeit, eine Studentenbewegung zu simulieren. Deshalb operieren sie auch anonym. Denn sonst würden sie als Minorität erkannt werden.

Peter Schmidt: Die Vorgehensweise dieser Tugendwächter erinnert ja wesentlich stärker an religiösen Fanatismus denn an politisch fundierte Auseinandersetzung. Gibt es ein Cluster in Bezug auf die Organisationen, denen die meisten dieser Menschen organisiert sind?

Jörg Baberowski: Die Tugendwächter kommen vor allem aus linken Gruppen, die sich mit der Überwachung der Sprache befassen. Jeder soll nur noch so sprechen, wie sie es für richtig halten. Dieser Tugendterror will, daß der Bürger die Regeln beachtet, die sie aufgestellt haben und in vorauseilendem Gehorsam vollzieht, was sie verlangen.

Peter Schmidt: Gibt es Hinweise, das diese Menschen erst an der Universität fanatisiert wurden oder kamen die schon mit entsprechender Gesinnung ins Studium?

Jörg Baberowski:Die meisten dieser Leute sind an den Universitäten fanatisiert worden, weil sie erst dort die Erfahrung machen konnten, einer Gruppe anzugehören, die ihr Selbstwertgefühl erhöht. Wahrscheinlich haben die meisten Mitläufer überhaupt keine Gesinnung, sondern nur das Bedürfnis, dazuzugehören und die Welt einfacher zu machen als sie ist. Manche sind aber auch gar nicht an der Universität eingeschrieben, sondern nutzen die Universität als Raum, um für Ihre Auffassungen zu werben. Die Universität ist in Deutschland ein Ort, an dem jeder zu jeder Zeit tun und lassen kann, was er will. Deshalb zieht er Fanatiker aller Art magisch an.

Peter Schmidt: Besonders häufig reklamieren gerade die Tugendwächter für sich, “Zivilcourage” zu zeigen in einem Kampf, der vor allem um Begriffe geht. Der “richtige” Begriff hat jeden Inhalt ersetzt. Wie sehr ist es diesem Kartell gelungen, durch Besetzung oder Vergewaltigung der Begriffe den Zeitgeist zu beherrschen?

Jörg Baberowski: Die Antwort lautet: weil sich die intellektuell relevanten Gruppen unserer Gesellschaft den Tugendwächtern unterworfen haben. Die Emanzipation ist zur Tugendlehre verkommen, die niemanden mehr aufklärt. Für die Gehorsamen ist es bequem, sich anzupassen. Nirgendwo steht geschrieben, daß wir unsere Studenten “Studierende” nennen müssen, aber alle tun es, weil niemand ein Abweichler sein will. Wer die Interpretationshoheit hat, kann die Begriffe für sich besetzen. Wer heute von “Zivilcourage” spricht, meint damit, so zu handeln, wie es alle tun.

Peter Schmidt: Goggelmoggel sagt in dem Kinderbuch “Alice im Wunderland” den Satz: “Wenn ich ein Wort verwende dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.” In Orwells “Farm der Tiere” steht das Schwein Napoleon für den totalitären Vollstrecker dieser Haltung. Fühlen Sie sich in Ihren Vorlesungen manchmal zwischen Kinderbuch und Alptraum?

Jörg Baberowski:In meinen Vorlesungen fühle ich mich sehr wohl. Ich werde von meinen Studenten nicht angegriffen, weil ich ihnen mit Respekt und Höflichkeit begegne. Und so begegnen sie mir auch. Ich kann und darf alles sagen, was ich sagen will, und ich sage auch alles, was ich sagen will. Täte es jeder, die Welt wäre es schönerer Ort.

Peter Schmidt: Augenfällig ist, dass wir einen Punkt erreicht haben, in der eine absolute Minderheit die Mehrheit der Gesellschaft im Würgegriff hat. Auch wenn die Inhalte, wenn man überhaupt diesen Begriff wählen darf, dieser Fanatiker noch so absurd und gegen jeden gesunden Menschenverstand stehen: immer wieder muss man feststellen, dass sich Politik, Medien, Führungskräfte und die Spitzen der Universitäten einfach wegducken. Sind Rückgratlosigkeit und Opportunismus die Totengräber unserer pluralistischen Gesellschaft geworden?

Jörg Baberowski: Ja, unbedingt. Der Obrigkeitsstaat ist in unser Leben zurückgekehrt. Die Obrigkeit entscheidet, worüber der Bürger reden darf und worüber nicht, welche Entscheidungen er hinnehmen muß und nicht mehr kritisieren darf. Der Bürger wendet sich ab. Er wählt nicht mehr und zieht sich ins Private zurück, weil seine Probleme nicht gehört werden, und weil er über sie nicht so sprechen kann, wie er es sich wünscht. Fast alle wichtigen Entscheidungen werden von Institutionen getroffen, die niemand gewählt und manche auch nicht gewollt haben.

Peter Schmidt: Gibt es auch positive Entwicklungen? Weniger im Hinblick auf die vielen Studenten, die mit diesen Auswüchsen selbst nichts zu tun haben wollen – mehr im Hinblick auf das Entstehen von Rückgrat in Politik, Medien und Führungseliten?

Jörg Baberowski: Es gibt in der Demokratie immer die Möglichkeit, nein zu sagen. Tun wir es, sagen wir einfach hin und wieder nein. Es wirkt befreiend.

*) Professor Dr. Jörg Baberowski lehrt am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und ist dort Mitglied des Fakultätsrates. **) Peter Schmidt ist Präsident des DAV (Deutscher Arbeitgeberverband)


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