V wie völkisch

von Fantareis

Abermals ging kein Ruck, sondern ein Reflex durch Deutschland – ein Würgereflex. Eine Frau hat das verbotene „V“-Wort benutzt und das auch noch in einer besonders schlimmen Variante, als Adjektiv.

Eine Frau wie Frauke Petry weiß natürlich nur zu gut, welche Wirkung bestimmte Zauberformeln auf das politische Establishment haben und setzt diese sicher nicht ohne Absicht ein. Die Provokation ist gelungen, die nächste Empörungswelle in die WELT gesetzt. Und schon durften sich die B-Journalisten an die Arbeit machen und Petry „Nachhilfe in Sachen Geschichte“ geben.

„Völkisch“ – das sei ein ganz schlimmes Wort, meinte zum Beispiel eine Maria Wölfle, wer immer das auch ist:

Wörter wie „Volk“ oder „Volksgemeinschaft“ werden benutzt, um Menschen auszugrenzen und ermöglichen eine rassistische Unterscheidung: Selbst wer einen deutschen Pass besitzt und nach dem Grundgesetz Staatsbürger ist, muss nicht automatisch zum „Volk“ gehören. Wer „völkisch“ argumentiert, bewegt sich in ganz spezieller Gesellschaft.

Die Dame lebt in Israel, jener einzigen Demokratie im Nahen Osten, in der das Wort „völkisch“ ganz besonderen Ausdruck gefunden hat, nämlich in der Errichtung der jüdischen Heimstätten und späteren Staatsgründung Israels auf dem Gebiet der Palästinenser. Von dort berichtete sie auch schon mal über die völkerrechtlich sehr schwierige Situation zwischen dem Volk der Palästinenser und den Israelis. Nicht die leiseste Spur von Empörung liest man aus ihrem Artikel heraus, in dem es unter anderem heißt:

Beim Palästina-Marathon wird Sport zum Protest. Viele haben sich die palästinensische Flagge ins Gesicht gemalt oder sie um die Schultern geworfen. Joggen, um den Nationalstolz zu zeigen.

Ah, richtig, hier wird ein Volk unterdrückt und darüber geklagt, dass die palästinensische Autonomiebehörde keine 42 km am Stück kontrolliert und somit ein Marathonlauf im eigenen Territorium nicht möglich ist, ohne die Besatzer zu fragen. Ist das nicht völkisches Gedankengut? So völkisch wie die Geschichte der Juden, die nahezu 2000 Jahre lang in alle Winde zerstreut leben mussten und dennoch als Volk und Glaubensgemeinschaft überlebten? Ja, sogar ihre Sprache haben sie erhalten, welch gräßliches, völkisches Verbrechen. Ich wäre sehr dafür, wenn Palästinenser und Israelis ihren Konflikt auf friedliche Weise beenden und dabei ihre kulturelle Identität behalten könnten. Zurzeit sieht es allerdings nicht danach aus. Auf beiden Seiten ist das völkische Gedankengut sehr stark mit Ideologie und Religion verknüpft, hier sind die Grenzen für die orthodoxen Juden, die Zionisten und die islamischen Extremisten auf der anderen Seite nahezu unüberwindbar. Die Stimmen der Vernunft verhallen ungehört, solange die Soldaten marschieren und immer neue Greueltaten die Empörung anheizen.

Aber genug vom Nahostkonflikt, kehren wir lieber vor der eigenen Haustür, die Situation im bröckelnden europäischen Haus ist auch noch nicht allzu lange friedlich. Der Konflikt zwischen England und Nordirland brodelt noch immer, auch die Schotten haben wieder verstärkte Ambitionen, sich vom Mutterland zu lösen.

Und in unserer Muttersprache gibt es noch mehr problematische Begriffe, wie Volksbanken, Völkerball oder Volkswagen. Endlich gerät der Konzern, der das Führerauto kreiert hat, unter Beschuss, ausgerechnet durch einen Abgasskandal. Welche Witze wohl in gewissen Kreisen kursieren, die ihre klammheimliche Freude kaum verbergen können, dass ein deutscher Industriegigant ins Trudeln geraten ist? Wird demnächst das Leugnen des Abgasskandals auch unter Strafe gestellt?

Was ist erst mit solchen Vokabeln wie Völkermord oder dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“? Welch völkisches Denken muss solchen Auswüchsen zugrunde liegen? Wurden die Armenier nicht deshalb geschlachtet, weil sie auf ihrer völkischen Identität beharrten und Anpassung verweigerten? Sind sie nicht selber schuld an ihrem Schicksal? Nein, natürlich nicht. Ein Opfervolk darf sich seiner Wurzeln besinnen und Ansprüche stellen, Wiedergutmachung und Anerkennung des Unrechts fordern. Völkermord ist ein Verbrechen, sagt das „internationale“ Recht.

Fast kann ich die Empörung der Türken verstehen, wenn es um die Anerkennung des Völkermords geht. Denn sie fürchten nicht nur finanzielle Schadensersatzansprüche, sondern vielmehr auch den Verlust eines positiven Nationalgefühls. Holocaustdenkmäler und Stolpersteine löschen nicht etwa die völkisch-nationale Identität, sondern besetzen sie negativ und erhalten sie erst recht am Leben. Kein Tag vergeht, an dem nicht auf irgendeinem deutschen Sender eine Dokumentation über die Zeit des Nationalsozialismus läuft. Hat schon mal ein „Deutschtürke“ deshalb am Holocaustdenkmal einen Kranz niedergelegt? Die allgegenwärtige Erinnerung an die Vergangenheit der vorherigen Generationen vermittelt die Illusion der kollektiven Schuld, wie sie im Christentum durch die Erbsünde verankert ist und ebenso wie kollektivistisches Denken zu jeder Form des Sozialismus dazugehört. Wie sagte Jesus Christus? „Wo zwei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter euch!“ Mit Hitler verhält es sich nicht viel anders.

Hat schon mal jemand das Volk der Kurden kritisiert, die immer lauter nach einem eigenen Nationalstaat rufen? Ist das etwa kein völkisch-nationales Denken? Die Kurdenparteien HDP oder die verbotene PKK sind „sozialistisch“ – setzen wir doch mal das Wörtchen „national“ davor, denn Türken oder Armenier gedenken die Kurden ganz sicher nicht in ihren herbeigesehnten Nationalstaat mitzunehmen. Wo bleibt der Aufschrei angesichts dieser völkischen nationalsozialistischen Ausgrenzung? Mir persönlich ist das egal, wenn es den Kurden hilft, sollen sie ihren Staat bekommen, mich stört diese Heuchelei. Entweder gibt es Nationen und Völker, egal welche Geschichte sie haben, oder eben nicht.

Nordamerikanische Indianer dürfen sich stolz „Red Nation“ nennen, bekommen Sonderrechte eingeräumt, werden aber weiter ausgegrenzt – niemand jedoch nennt sie völkisch-rassistisch, wenn sie ihre Kultur pflegen und sich auch selber abgrenzen – warum eigentlich nicht? Als sie noch wertvolles Land besaßen, nannte man sie Wilde und Barbaren und tötete sie – jetzt ist man sie los und schmückt sich mit ihrer Folklore.

Der politische Diskurs wird schein-ideologisch geführt und ist von Machtinteressen geleitet. Diese bestimmen, welche Völker gut und welche Völker böse sind. Böse sind meist die, die etwas haben, wie die Russen – gute sind die, die nichts mehr haben, wie die Tibeter. Bei uns Deutschen gibt es auch noch jede Menge zu holen, darum gehören wir nicht zu den Guten, erst dann, wenn wir alles verloren haben.

Eine ziemlich erbärmliche Debattenkultur für eine angeblich so hoch entwickelte Gesellschaft. Da vergeht einem geradezu die Lust daran, zu solch einem Volk dazu gehören zu wollen. Kein Wunder, dass es mit der Integration nicht klappt.


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