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Verhüllende Enthüllungen

von Dr. Helmut Böttiger

Wir wissen, jeder weiß: Es stinkt im Bereich Finanzen, Finanzanlagen, Geldpolitik, auch wenn Kaiser Vespasian scheinbar anderer Ansicht war. Aber der glaubte ja nur, dass dem Geld aus stinkender Quelle, kein Geruch anhaftet, wenn man es zum eigenen Vorteil einsetzen kann.

Wir, die wir das nicht oder nur im nicht nennenswerten Umfang können, entwickeln oft Neidgefühle – natürlich ohne das uns und anderen einzugestehen, wir sind ja nicht mies. Doch wenn Enthüllungen Schadenfreude versprechen, sind wir gerne und freudig dabei. Sie helfen, dass wir uns in unserer geldlich vergleichbar miserableren Situation besser fühlen. Wenn die Enthüllungen noch zu unserer „Entrüstung“ beitragen, dann werden wir doppelt froh. Wer legt nicht gerne die beengende Rüstung angesichts eines scheinbar überwundenen Gegners ab? Die „da oben“, oder genauer deren Psychologen, wissen das und bedienen uns entsprechend – zum Beispiel mit Panama-Papieren.

Solche „Dienste“ sind nicht ganz neu.

Das Intern. Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) hatte schon 2013 2,5 Mio. Daten gestohlen und 120.000 sogenannte Off-Shore Firmen, d.h. Steuerumgehungs-Einrichtungen hochgehen lassen. Wer könnte etwas dagegen haben? Sie haben die Verträge zwischen Luxemburg und 340 Multinationalen Konzernen zu zweifelhaften bis illegalen Steuererleichterungen genauso wie problematische Konten bei der HSBC-Bank aufgedeckt.

Bravo! Ebensolche Enthüllungen brachen vor wenigen Jahren das Bankgeheimnis der Schweiz zu Fall, das den Großen Finanzhaien den Einblick in Transaktionen kleinerer Geldhaie verwehrte. Die Beurteilung richtet sich nach dem Umfang des zu verbergenden Geldvermögens.

Soll man/wir dafür dankbar sein? Vielleicht sollte man mitbedenken, dass solche Enthüllungen nur allzu oft die Hybrid-Kriegführung der USA im Zuge ihrer Regime-Chance Strategie einzuleiten pflegten.

Damit wurden unliebsam gewordene Politiker – wie z.B. der Schah von Persien – in Misskredit gebracht, bevor sie beseitigt wurden. Oft haben sich solche Anschuldigungen als unbegründet oder falsch dargestellt erwiesen. Doch hinterher juckt das niemanden mehr. „Die Hauptsache ist der Effekt“.

Das fing vor 55 Jahren mit angeblichen geheimen Auslandskonten von Fidel Castro an, die es als seine privaten nicht gab. Etwas komplexer war das im Fall Gaddafis vor der beabsichtigten Zerstörung des wohlhabendsten Landes in Afrika. In Main-Stream-Medien, denen die Enthüllungen zugeschickt wurden, war die Rede von zwei Milliarden Dollar, die Freunde Putins mittels der Panama-Connection über Briefkastenfirmen in Sicherheit gebracht hätten.

Der Name Putin taucht in den Papieren nicht auf und Putin lässt mitteilen, dass der beschuldigte Freund tatsächlich einige Millionen Dollar ins Ausland geschafft habe, um wertvolle alte Musikinstrumente für Russland zu kaufen. Das kann man glauben, muss es aber nicht. Wenn Enthüllungen, die niemand überprüfen kann, „wahr“ oder annähernd „wahr“ waren, wie z.B. im Fall der Hisbollah oder der libanesischen Opposition oder auch der Cousins Achmadinejads, des früheren Regierungschefs in Persien, dann dienten sie manchmal einem allgemeinen Zweck, etwa der Umgehung eines illegalen Auslandsembargos, um die eigene Bevölkerung zu ernähren.

Solche Überlegungen fehlen natürlich in den gezielten Enthüllungen. Vielleicht ist zu bedenken, dass sich unter den neueren Enthüllungen – jedenfalls soweit sie bekannt gemacht wurden – keine befand, die den USA oder führenden Leuten in den USA geschadet hätte. Betroffen waren die Unbequemen – ist David Cameron unbequem geworden?

Jedenfalls hat die Karriere des für den Luxemburg-Skandal Hauptverantwortlichen unter den früheren Enthüllungen aus der gleichen Quelle nicht gelitten. Offensichtlich haben an diesem Punkt justiziable Dokumente gefehlt. Vom Ergebnis her betrachtet könnten der Skandal die Karriere des EU-Präsidenten sogar gefördert haben: „Brauchbarer Mann!“

Enthüllungen erweisen sich eher als Schachzüge in einem Konkurrenzkampf um den Zufluss der international vagabundierenden, lichtscheuen Finanzströme, welche vor allem die Geldschwemme der Zentralbanken anschwellen ließ. Die Kampagne richteten sich gegen „Steuerparadiese“, die nicht der Kontrolle der Betreiber der eigentlichen „Steueroasen“ unterliegen: den Betreibern des US-Staates Delaware und der in England unabhängigen Enklave London City.

Man tut gut dem „Geld zu folgen“.

Wer unterstützt den ICIJ, dem die Panama Whistle Blower angehören, und deren Nichtkenntnis die Süddeutsche Zeitung so leidenschaftlich verteidigt? Der ICIJ bekommt sein Geld vorwiegend vom Oberspekulanten George Soros und der Ford Fundation, der man eine gewisse Nähe zur CIA nachsagt. Man kann davon ausgehen, dass die Enthüllungen vorher gut vorsortiert und ausgesucht waren. Einige „juicy“ Sachen dürfen der Glaubwürdigkeit halber dabei nicht fehlen. Sorry Cameron.

Einen interessanten Hinweis verdanken wir Thierry Meyssan vom www.voltairenet.org mit angeblich guten Verbindungen zu patriotisch gesonnen Geheimdienstkreisen in Frankreich. Er erinnerte an das Ehepaar Romer.

Christine Romer war wirtschaftliche Chefberaterin des US-Präsident Obamas und hatte ihm Strategien zur Lösung der Finanzkrise 2008 anzubieten. Romer hatte sich diese Position durch ihre erst am 9.3. veröffentlichte Arbeit für die Brookings Institution verdient. Darin versuchte sie den Nachweis zu erbringen, dass die USA die Weltwirtschaftskrise 1929 nicht durch die New Deal Politik Delano Roosevelts auch nicht durch den Exportboom des Zweiten Weltkriegs überwunden hat, sondern durch den Zufluss der Fluchtgelder aus Europa im Zuge des Zweiten Weltkrieg.

Die US-Wirtschaftsstrategie beruhte aufgrund dieser Einsicht darauf, Krisen in Europa auszulösen, um dadurch einen Geld-Exodus in die USA in Gang zu bringen. Die Griechenlandkrise beziehungsweise die 2012 durchgesetzten Maßnahmen gegen Steuerflucht, die andere Steueroasen betrafen nur nicht Delaware und die London City, passen in das Bild. Der Balkankonflikt 1991 bis 2001 fiel zwar noch nicht in die Verantwortung Obamas, diente offensichtlich aber schon der gleichen Strategie.

Ein Ausfluss aus dieser Strategie mag auch die von den Zentralbanken ausgelöste Geldschwemme nach 2009 gewesen ein. Die dadurch geschaffenen Vermögenszuwächse flossen z.B. in den Vereinigten Staaten (laut Gerald Celente vom 8.4. bei goldseiten.de)

„zu 95% in die Taschen der obersten 1%. Dieses Ponzi-System ist der einzige Grund für den Aufschwung an den Aktienmärkten.“

Diesen besorgen zurzeit,

„mit Sicherheit nicht die Unternehmensgewinne, denn die sind 2015 um 5% gesunken. Die Märkte (haben die nicht einen Kopf und einen A…?) brauchen das billige Geld für Aktienrückkäufe, Fusionen und Übernahmen. Das ist alles, was sie tun. Es ist eine Art Carry Trade. Die Leute, die gemeinhin als Investoren bezeichnet werden, sind nichts anderes als Glücksspieler.“

Vielleicht sind unter den Glückspielern auch einige Cleverle, besonders potente Cleverle.

Ron Paul hat 2012 als Kongressabgeordneter von der FED gefordert, offenzulegen wie viel Geld sie wem bereitgestellt hat. Über die Zahl und die Adressaten wurde nicht breit berichtet. Doch sickerte durch, von 2008 bis 2012 waren es 17 Billionen Dollar. Ein großer Teil des billigen Geldes floss damals von den Empfängern in die Schwellenmärkte. Als die Kredite aufgenommen wurden, waren die Währungskurse der Schwellenländer viel höher und der Dollar günstig. Unternehmen und Regierungen der Schwellenländer haben sich billige Dollars geliehen. Ihre eigenen Währungen haben inzwischen an Wert eingebüßt. Sollten die Zinsen in den USA steigen und der Dollar an Stärke gewinnen, müssen sie viel mehr zurückzahlen, als sie geliehen haben. So die Geschäftsüberlegung. Doch der gewaltige Überhang an Schulden, die in US-Dollar beglichen werden müssen, würde viele Länder Pleite gehen lassen, würde Unruhe schaffen und wäre damit zurzeit noch politisch/wirtschaftlich unerwünscht.

Ein zweiter Hebel ist zu beachten.

Auch im Energiesektor stehen weltweit zahlreiche Insolvenzen an. Seit Juni 2014 sind die Energiepreise rund 70% gesunken. Was wurde nicht alles während des Energiepreisbooms zwischen 2009 und 2014 geliehen, gekauft und ausgebaut? Das steht nun neben sogenannten Ramsch-Anleihen vor dem Aus.

Moody’s hat zum Beispiel die Kreditwürdigkeit von Staaten wie Oman und Bahrain herabgesetzt und weitere Herabstufungen werden im Nahen Osten, in Kanada, Brasilien oder Venezuela folgen und hervorragende Chancen für die gewünschte Vermögensumverteilung liefern. Dabei schaden Niedrigzinsen nicht nur den Lebensversicherungen, Pensionskassen usw. sondern auch den Banken, die mit der Vergabe von Krediten kein Geld mehr verdienen können.

Verdienen können die Großvermögenden hinter den Banken und Energiekonzernen nur an der Vermögensumverteilung beziehungsweise an der Vermögenskonzentration – und das gewaltig.

Und darauf kommt es an. Würden die Zinsen vorzeitig steigen, würden die eingeleiteten Umverteilungsgeschäfte platzen bevor sie richtig abgeschlossen sind. Damit sie nicht unnötig gestört werden, sorgt die Geldschwemme nebenbei auch für eine gewisse Glättung der Versorgung, wenigstens solange einigermaßen Ruhe geboten zu sein scheint. Ist die Umverteilung abgeschlossen, kann der Budenzauber beginnen. Kompetente Wirtschaftswissenschaftler sind an dem Umverteilungsgeschäft beteiligt und reden nicht darüber.

Die Inkompetenten und Nebenverdienstler hören Sie bei Maischberger und Co, von der Regierungsbank und in den Parlamenten/Medien. Auch sie haben zu glätten sei es bewusst oder nur benutzt, eben weil sie inkompetent sind.

Mit Internationalen Handelsabkommen versucht man seit 1995 die Umverteilung und Vermögenskonzentration politisch/militärisch abzusichern. Damals wollte man das Multilaterale Investitionsabkommen (MAI) anbahnen. Die Sache flog 1997 aufgrund von Indiskretion auf und scheiterte danach am Widerstand der Bevölkerung. Mit dem TTIP und vergleichbaren Abkommen (neben den bilateralen) wurde ein neuer umfassender Versuch gestartet. Den will man, weil die Überredungspropaganda immer noch nicht richtig zieht, an der Bevölkerung vorbei durchsetzen.

CETA, das umstrittene Abkommen zwischen EU und Kanada ist ein Versuchsballon. Dieser Vertrag soll nun ohne Zustimmung des Bundestags in Kraft treten. Die EU-Kommission will CETA ohne Zustimmung der nationalen Parlamente „vorab“ anwenden. Ist es einmal in Gang, wird keine parlamentarische Mehrheit mehr daran rütteln können oder wollen. Interessant daran ist, dass sich der SPD Vorsitzende Gabriel als Wirtschaftsminister für dieses Verfahren stark gemacht hat, während der Abgeordneten der Grünen und Geschäftsführer des Forums Umwelt und Entwicklung Jürgen Maier, es als eine Art „Putsch“ ablehnt.

Die scheinbar „verkehrte Welt“ ist seit 1945 ein alter Trick im politischen Blinde-Kuh-Spiel der Bundesrepublik. Wenn es um wichtige zentrale Entscheidungen ging, musste diese immer die Partei durchsetzen, die scheinbar die Interessen der von der Entscheidung am negativsten Betroffenen vertrat. Die SPD vertritt scheinbar die Interessen der kleinen Leute, die von den Folgen solcher Abkommen am ehesten und am meisten zu leiden hätte, während der Vertreter der Transformation der Industriegesellschaft (Abbau der industriell gesicherten Massenversorgung) vorgibt, die kleinen Leute schützen zu wollen.

„Wir leben mit Trugbildern in diesen Tagen: Verantwortungslosigkeit tarnt sich als Verantwortung, hinter dem Mut verbirgt sich Feigheit, Ordnung entpuppt sich als Auflösung“.

Der Herausgeber von Die Weltwoche, Roger Köppel leitet sein Editorial vom 7.4., dem die Sätze entstammen, mit dem Satz ein, „Europa ist im Begriff, sich selber abzuschaffen“. Die „Wir schaffen das“-Mentalität bezeichnet er als „größenwahnsinnig“, sie habe in der europäischen Geschichte regelmäßig in Katastrophen geführt. Köppel bezieht seine Aussage auf die Öffnung der Grenzen gegenüber dem Islam, und lenkt damit von Grenzen ab, auf die sich sein Ausspruch wirklich beziehen sollte, die Abgrenzung der materiellen Versorgungsvoraussetzungen der Menschheit gegen die Machtspielereien einer größenwahnsinnig durchgedrehten „Elite der Superreichen“ und ihrer Bediensteten.