VERRÄTER UND NESTBESCHMUTZER

von alphachamber

Ich würde mich über die Maßen schämen, wenn es auch nur einen Engländer gäbe, der …, für ein Blatt schrieb, dessen ganz offensichtliche Tendenz es ist, sein Vaterland in den Augen der Feinde und des neutralen Auslands herabzusetzen…

…Ich stehe nicht an zu erklären, dass Deutsche, die sich an diesem Treiben beteiligen nach den Gesetzen unseres Landes Hochverräter sind” (E.H. Lacon Watson, engl. Schriftsteller und Korrespondent des Pressekorps an der Westfront)

Ähnlich äußerte sich der bekanntere Autor H.G. Wells („Der Krieg der Welten“, „Die Zeitmaschine“):

„Ich habe mein Vaterland bisweilen sehr bitter kritisiert, aber mag es in der Vergangenheit recht oder Unrecht getan haben, so will ich doch nicht den Augenblick ertragen, dass es einer siegreichen, fremden Nation zu Füssen liegt. Kein Deutscher, der überhaupt in Betracht kommt, kann anders denken“.

So gibt es mehrere, ähnliche Zitate aus ausländischen Quellen der Zeit von 1914–19, als Zeichen der nationalen Uneinigkeit.

Was sind die Umstände, die so viele Deutsche zu Verräter und Nestbeschmutzern werden ließen?

Ursachen nationaler Inhomogenität sind unschwer zu finden. Napoleon hinterließ ein entmachtetes und nahezu zerstörtes Preußen und förderte die Frankophonie durch den Rheinbund entlang der deutschen Westgrenze bis nach Bayern. G:W:F. Hegel begrüßte es, dass unter Bonaparte die „Freiheit zugunsten der Gleichheit abdankte“ (A. DeTocqueville) und lobte den Code civil, der, nach Karl Braun,

„…in vielen Fällen nicht nur besser, sondern deutscher ist, als unser auf Römischen und kanonischen Grundlagen beruhendes gemeines deutsches Recht“ (1864).

Der erste eigene Versuch einer Einigung (inspiriert von der bürgerlichen Revolution 1830 in Frankreich) durch das Hambacher Fest (1832), scheiterte an gemeinsamen Interessen einer breiten Bevölkerung.

Heinrich Heine beklagte das magere Resultat dieser Versammlungen:

„…Jene Hambacher Tage waren der letzte Termin, den die Göttin der Freyheit [sic.] uns gewährte“

Das erste Erscheinen der deutschen Farben und Proklamationen von nationaler Einheit endete in sporadischen und dilettantenhaften Gewaltaktionen, wie der Frankfurter Wachensturm.

Die misslungene Revolution von 1848 verdeutlichte die deutsche Zerrissenheit durch gegenseitigen Verrat an der Sache und ein breites Spektrum von Fraktionen. Monarchisten, Republikaner, Demokraten, Anarchisten und Militaristen bekämpften sich, ohne eine Basis in dem noch zu unbedeutenden Bürgertum.

Den kopflos erscheinenden, chaotischen Aktionen fehlte auch die Unterstützung der angesehensten Vordenker und Philosophen dieser Zeit. Hegel lieferte die moralischen Alibis für die preußische Dominanz, in Frankfurt erregte sich Schopenhauer über die „souveräne Kanaillie“ des Aufstands (er ließ Soldaten in seine Wohnung, um ihnen ein besseres Schussfeld auf die untenliegenden Barrikaden zu gewähren) und sah die Monarchie als „der menschlichen Natur gemäß“.

Goethe schrieb in seinem Faust:

Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied ein leidig Lied“.

Deutschlands Zollverein (1834-1919) verband die wirtschaftlichen Interessen des Bundes – dessen Vorteile wollte man sich nicht durch Anarchisten und Kleinstaatler zerstören lassen wollte.

Zu den Delegierten der kurzlebigen Frankfurter Nationalversammlung gehörten einige der größten politischen Geister. Eine Mehrheit fand sich dennoch nur für einen österreichischen Reichsverweser und den kläglichen Weg zurück ins Kaisertum. Friedrich Wilhelm IV lehnte dankend ab – er wäre lieber König eines intakten Preußens, als Kaiser einer Kleinstaatensammlung.

Zuvor endete der Protest der „Göttinger Sieben“ gegen die Aufhebung der liberalen hannoverschen Verfassung, mit der Entlassung der prominenten Professoren und dem Landesverweis. Die Überreste der Nationalversammlung trafen sich vorübergehend zu einem Rumpfparlament in Stuttgart, das alsbald vom württembergischen Militär gewaltsam aufgelöst wurde und seine Mitglieder über die Grenzen flohen.

In einer traurigen Tradition der politischen Emigration, verloren die deutschen Lande so manche fähigen Köpfe an das (später gegnerische oder neutrale) Ausland, besonders die Schweiz und Amerika, die von dort gegen ihre ehemalige Heimat agierten.

Die bedeutenden Demokratien des Westens durchlebten ihre einigenden Revolutionen, bevor die Einwohner der unzähligen deutschen Kleinstaaten auf ihrem Weg von Köln nach Königsberg immer noch Dutzende von Zollstationen durchqueren mussten.

Der erfolgreiche Krieg mit Frankreich erlaubte Bismarck schließlich die Reichsgründung, aber unter der Bedingung der preußischen Vorherrschaft – nicht durch das Resultat einer populären Freiheitsbewegung.

Auch in Amerika, England und Frankreich gab/gibt es politische Gegensätze. In Amerika kämpfen Demokraten gegen Republikaner, in Frankreich ringten Sozialisten gegen die Bourgeoisie und in England hatten sich die Whigs mit den Tories in der Wolle („Glorious Revolution“).

Aber alle hatten sie funktionierende Parlamente und ihre nationalen Ziele: die Einheit der Nation war (und ist) stets ihr letzter gemeinsame Nenner; Patriotismus und Nationalismus verband die Ideologien und entzweite sie nicht.

Auf der Höhe des französischen Imperialismus, mit seinen ehrgeizigen und verlustreichen Abenteuern in Indochina, hätte auch der eifrigste politische Gegner keine Maßnahme gefordert, welche Sicherheit und Zusammenhalt der Grande Nation gefährdet hätte.

Blicken wir auf Amerika: Eine Gesellschaft ohne ein Volk, sondern einer Mischung gleicher Interessen; mit dem brennenden Glauben an Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit als einende Kraft. Eine Loyalität zu den Prinzipien des Naturrechts und Souveränität ihrer Gemeinschaft, die jedes nationale Bewusstsein in den europäischen Mutterländern übertrifft – auch die Englands und Frankreichs.

Seit 1871 fügt sich das deutsche Volk dem Diktat des Bestehenden. Nach dem Motto Hegels:

„Was wirklich ist, ist vernünftig – was vernünftig ist, ist wirklich“.

Mit seiner Disziplin und Obrigkeitshörigkeit verbleibt dem Deutschen nur der stille Protest des Verrats, der verdeckten Agitation, der Tätigkeit des Maulwurfs?

Die Niederlage 1918 und das Diktat von Versailles machte die Uneinigkeit der deutschen Gesellschaft deutlich, wie unsichtbare Tinte über einer Flamme. Auch in der Novemberrevolution 1919 gab es keine breite Front; die Weimarer Verfassung bot eine Grundlage zur Demokratie – aber ohne einen Nährboden demokratischer Gesinnung.

Eberts gewaltsamer Verrat an seiner linken Basis, der deutschen Ordnung und dem bürgerlichen Frieden willen, ist ein Beispiel diese fortwährende Unreife und Verkauf der Ideale.

Die Sitzungsprotokolle des Reichstages von 1914 – 1918 bieten eine klare Darstellung des sog. Burgfriedens und der Entschlüsse zur Bestreikung der Nachschubindustrie und Produktion notwendiger Militärgüter zur Sabotage der eigenen Kriegsanstrengungen. Kein anderer Kriegsteilnehmer hatte in der Höhe der Kämpfe mit einer feindseligen Heimatfront zu ringen.

In der reinen Propagandaschlacht brauchte z.B. Frankreich wenig eigene Kreativität; deutsche Emigranten erledigten die Arbeit für die feindlichen Nachrichtenbüros, so effizient, dass die Propaganda-Abteilungen die verfassten Schmähschriften und Reichskritik einfach in großen Auflagen nachdruckten, über den Schlachtfeldern abwarfen oder als Zeitungen getarnt durch die Schweiz ins Reich schmuggelten.

Einige der Aufrufe und hasserfüllten Traktate gegen die kaiserliche Regierung waren so vulgär und beleidigend, dass es zuweilen selbst der französischen Regierung in den ersten beiden Kriegsjahren zu viel wurde und untragbar aggressive Aktivisten auswies.

Die effektivste anti-Reichs-Propaganda ausgereister Deutscher waren die Berner „Freie Zeitung“ und das Werk eines Dr. Richard Grelling „j’accuse“ (1914/15), eine leidenschaftliche Anklage des Pazifisten und Syndikus des deutschen Schriftstellerverbands. Dieses Buch wurde in viele Sprachen übersetzt, fand weltweite Verbreitung und führte Frankreich zu dem Entschluss, die Kriegsschuldfrage zur Basis ihrer Propaganda zu machen.

Durch Bekanntwerden der russischen Mobilmachung und Vorkriegspolitik kam Grelling unter Druck und leugnete zu Beginn seine Autorenschaft. Seine Texte wurden verzweifelter und gewaltsamer und sein zweites Werk „Das Verbrechen“ forderte „die Hinrichtung des Kaisers und Rache an den Hohenzollern“.

Georges Demartial schrieb über ihn:

„Jedem Menschen muss es freistehen, auszusprechen was er für die Wahrheit hält, selbst gegen sein Vaterland. Das größte Unglück, das einem zustoßen kann, ist es aber, falsche Anschuldigungen gegen sein Land zu erheben. Unter diesen Gesichtspunkten ist der unglücklichste Mann auf der Welt Herr Grelling“ (La mobilisation des consciences. La guerre de 1914, Paris 1922)

In der streng-neutralen Schweiz schlossen sich 1916 ein Teil der deutschen Emigranten zur „Vereinigung der deutschen Republikaner“ zusammen, unter der Führung des ehemaligen Reichskonsuls zu Belgrad, Dr. Hans Schlieben. Zusammen mit Grelling, Hermann Fried, Hermann Fernau (Hermann Latt), Alfred Asser, Yvan Goll (Isaac Lang), Dr. Rösemeier, Ernst Bloch u.a., schrieben sie für die „Freie Zeitung“ und beteiligten sich an ihrer Verbreitung. Auffallend ist der große Anteil, wenn nicht überwiegende Mehrheit, der Propagandisten aus jüdischen Familien.

In dem ebenfalls neutralen Holland befanden sich bis 1918 über 15.000 Deserteure, die für die französischen und englischen Behörden der Feindpropaganda zur Verfügung standen. In allen ideologischen Streitigkeiten, seit der Reichsgründung, war der Kaiser und die preußische Vormachtstellung das Hauptsymbol des inneren Gegners.

Das vereinte Deutsche Reich, welches seinen Bürgern Ansehen, Macht, eine geordnete Gesellschaft, mit einem verlässlichem Rechtswesen und industrieller Entwicklung garantierte, alle tragenden Institutionen, wurden zum Feindbild, dessen Bekämpfung zur Auflösung der eigenen nationalen Basis führen musste.

Diese Kultur der Selbstzerstörung, der Hass konkurrierender Ideale, die Arroganz der eigenen Überzeugung, die hysterische Verteidigung fremder Interessen über die Aufgabe der eigenen Nation, das willige Eintauschen deutscher Souveränität gegen das anbiedernde Wohlwollen des Auslandes ist zur verkommenen Tradition geworden.

Die maßlose, willkürliche Verschmähung von kulturellem und nationalem Stolz und Verteuflung des berechtigten Verlangens nach einer eigenen, sicheren Gesellschaft und Identität ist eine tragische Eigenschaft der Deutschen.

Ist es nicht höchst schizophren vorzugeben, sich für die Rechte und Integrität anderer Völker einzusetzen, dem eigenen Volk aber diese Grundlagen abzusprechen.

In keinem anderen Land sitzt eine links-grün-bunte „5. Kolonne“ in der eigenen Regierung und in keinem anderen Land legitimiert der Staat durch positive Gesetzgebung die Zersetzung seiner sozialen Strukturen:

Verhinderung eines souveränen Deutschlands, aber Erhaltung der deutschen Wirtschaft um jeden Preis. Die einzig verbleibenden Argumente dieser Menschen, sind ihr Unverständnis der Geschichte und die irrationale Ausflucht in das humanistische Elend.

„…der Deutsche stellt seine selbstgebildeten Begriffe viel höher, als die ihn umgebende Wirklichkeit. Hat er sich einmal eine bestimmte Ansicht zurechtgemacht, so geht er infolge seiner Hartnäckigkeit in seiner Absonderung fast bis zum Wahnsinn fort.“ (G.W.F. Hegel)


Quellen:

„Weltkrieg ohne Waffen“ Hans Thimme, 1932

Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, 1975

http://www.zeit.de/2004/48/P-Morelli


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