Verschwiegenes zum Kriegsausbruch 1914

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Wenn der erwiesene Ablauf eines historischen Vorganges heute »volks- pädagogisch Unerwünschtes« offenbaren kann, werden die zugrunde liegenden Tatsachen, die zur Beurteilung notwendig sind, gern verschwiegen oder umgedeutet. Dieses wissenschaftlich unredlichen Mittels hat sich vor allem der Hamburger Historiker Fritz FISCHER in seinem umstrittenen, aber für die Nachkriegsgeschichtsschreibung folgenreichen Werk „Der Griff nach der Weltmacht“ (1) schuldig gemacht. Dafür seien drei Beispiele gebracht.

1. Angeblicher Quellenmangel

Im Vorwort zu seinem Buch schreibt FISCHER, weil ihm wohl bewußt ist, daß der kritische Leser merkt, daß Wichtiges in dem Werk ausgelassen wird, gewissermaßen zur Entschuldigung:

»Man mag eine fortdauernde Bezugnahme auf die Kriegsziele der Gegnermächte Deutschlands vermissen. Doch einmal sind die Archive Englands, Frankreichs und Rußlands für die Zeit nach 1914 noch nicht freigegeben; zum andern aber würde die Kriegszielfrage für jeden der genannten Staaten ein eigenes Werk erfordern.«(2)

Doch FISCHERS Begründung trifft nur scheinbar zu und ist bezüglich Rußlands falsch. Er sollte als Historiker wissen, daß die ab 1918 amtierenden neuen Regierungen in der Sowjetunion und in Jugoslawien das gesamte Dokumentenmaterial ihrer jeweiligen Vorgänger zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges in den ersten Nachkriegsjahren veröffentlichten, so daß die volle Schuld derselben wie der Westalliierten am Ausbruch dieses Konfliktes sowie die Unschuld des Deutschen Reiches offenbar wurden. Der aus durchsichtigen Gründen leider noch verschlossenen Archive in London und Paris hätte es also gar nicht bedurft.

Insbesondere wurden, Rußland betreffend, veröffentlicht: Die internationalen Beziehungen im Zeitalter des Imperialismus, Dokumente aus den Archiven der zaristischen und der provisorischen Regierung (hg. von der Kommission beim Zentralexekutivkomitee der Sowjetregierung unter Vorsitz von Prof. M. N. PROKOWSKY, Hobbing, Berlin 1931); ebenso brisant und hintergründig „Die Fälschungen des russischen Orangebuches“(3) ferner „Der Diplomatische Schriftwechsel Iswolskis“ die gesamten Protokolle (4) der Generalstabskonferenzen zwischen Frankreich und Rußland ab 31. August 1911.(5) Die Vorgänge in Serbien wurden enthüllt in „Die auswärtige Politik Serbiens 1903-1914“ und in „Kriegsursachen“ (6). Dazu kam noch eine Reihe weiterer Enthüllungsschriften, so daß FISCHERS Begründung mit den noch verschlossenen Archiven der Westalliierten nicht zieht.

Die Ankunft des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin auf dem Bahnhof in Sarajewo. Es ist inzwischen nachgewiesen, daß das bereits 1911 geplante Attentat mit dem Wissen der serbischen Regierung um Paschitsch erfolgte. Die Waffen stammen aus dem serbischen Staatsarsenal und wurden nach Bosnien geschmuggelt. Der Attentäter Gavrilo Princip gehörte der Organisation „Schwarze Hand“ an.

2. Der Mord von Sarajewo

In FISCHERS 896 Seiten dickem Buch wird das den Ersten Weltkrieg auslösende >Jahrhundertereignis< der Ermordung des österreichischen Thronfolgers FRANZ-FERDINAND und seiner Gemahlin, der Herzogin VON HOHENBERG, mit einem einzigen Satz abgetan:

»Die Nachricht von der Ermordung des Österreich-ungarischen Thronfolgerpaares löste in ganz Europa Entrüstung und Bestürzung aus, aber in keiner Weise das Gefühl, daß sich hieraus zwangsläufig eine europäische Krise entwickeln müsse; selbst in Österreich-Ungarn war die Reaktion zwiespältig.«(7)

Über die Täter, die Hintermänner und deren Motive findet sich kein Wort. Dafür wird die Schuld für die folgende Entwicklung dem deutschen Kaiser zugeschoben:

»Der Kaiser war für das Wagnis (des Krieges, W. H.). .. In diese Politik des Zögerns (Österreichs, W.H.) brachte jedoch WILHELM II. … eine vollkommene Wendung.«(8)

Durch Weglassen der ganzen Vorgeschichte und der Umstände des Mordes wird also verschwiegen, was dessen Zielsetzung war: den großen Krieg zur Vernichtung des Deutschen und des Österreich-ungarischen Reiches einzuleiten, deren wirtschaftliche und demographische Dynamik auf eine europäische Großmachtstellung zustrebte. Die zu berücksichtigenden historischen Tatsachen sind:

Das Attentat wurde vom Kopf des serbischen militärischen Aufklärungsdienstes, von dem Obersten Dragutin DIMITRIEWITSCH, organisiert, der bereits den serbischen Königsmord von 1903 zu verantworten hatte. Er handelte im direkten Auftrag des zaristischen Kriegsministeriums. Sein unmittelbarer Auftraggeber war der Militärattaché an der russischen Botschaft in Belgrad, Oberst ARTAMANOW.

Die serbische Regierung und das Königshaus beteiligten sich lediglich an der logistischen und publizistischen Unterstützung des Vorhabens. Nachweisbare Mitwisser des Komplotts waren die Regierungen Frankreichs und Englands. Nach der Beweislage ist davon auszugehen, daß die wirklichen Auftraggeber des Attentats in Pariser Regierungskreisen unter den Angehörigen der Freimaurerloge des Schottischen Ritus >Grand Orient< zu suchen sind.(9)

Dieser Tatbestand wurde schriftlich bestätigt,

a) von Dragutin DIMITRIEWITSCH 1917 anläßlich des gegen ihn veranstalteten Schauprozesses in Saloniki,

b) von den Angehörigen seiner Terrororganisation >Schwarze Hand< in einer von diesen gemeinsam unterzeichneten Erklärung,

c) von den von den k. u. k.-Behörden gefaßten Attentätern vor Gericht,

d) von mindestens einem Angehörigen der serbischen Regierung PASCHITSCH, dem damaligen Kultusminister Ljuba JOWANOWITSCH, in einem von diesem persönlich verfaßten Zeitungsartikel.

Dazu sei im einzelnen folgendes angeführt:
I) Als Anfang 1917 ein Sieg der Mittelmächte wahrscheinlich erschien, beschloß die nach Saloniki geflüchtete serbische Regierung, den gefährlichen Mitwisser DIMITRIEWITSCH samt Gefolge zu beseitigen. Unter dem Vorwand, er habe den serbischen Thronfolger ALEXANDER ermorden wollen, wurde ein Schauprozeß gegen ihn mit abschließendem Todesurteil inszeniert. Der Angeklagte gab im Prozeß am 28. März 1917 eine schriftliche Erklärung ab, in der es über das Attentat von Sarajewo u.a. hieß:

»Den Rade MALOBACIC habe ich. .. angeworben… Dies tat ich mit dem Einverständnis des russischen Militärattachés, jetzigen Generals ARTAMANOW. .. Ich habe deshalb den MALOBACIC angeworben, das Attentat von Sarajewo zu organisieren. MALOBACIC hat meinen Auftrag ausgeführt und das Attentat organisiert. Bevor ich den endgültigen Beschluß faßte, daß das Attentat verübt werden soll, holte ich von Oberst ARTAMANOW ein Gutachten ein, was Rußland tun würde, falls Österreich uns angriffe. ARTAMANOW antwortete mir, daß Rußland uns nicht im Stich lassen werde… Die Hauptteilnehmer an dem Attentat… erhielten kleine Honorare. .. Einige von den Quittungen befinden sich in russischen Händen. . ., da ich das Geld für diese Arbeit…vom General ARTAMANOW erhielt, denn der Große Generalstab verfügte noch über keinen Kredit für diese… Tätigkeit.«(10)

Nach DIMITRIEWITSCHS Aussage ist zudem bei Durchführung jedes Schrittes von Bedeutung in dieser Sache stets irgendein Mitglied des serbischen Kabinetts von der Leitung der >Schwarzen Hand< ins Vertrauen gezogen worden.(11)

II) Am 28. Februar 1924 haben einige der inzwischen begnadigten Kumpane des DIMITRIEWITSCH eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der es heißt:

»Die Vereinigung (>Ujidinenje ili Smrt<, auch genannt >Schwarze Hand<) war eine patriotische. Ihre Wirksamkeit ist die ganze Zeit hindurch den leitenden Autoritäten des Staates bekannt gewesen, und diese Wirksamkeit stimmte mit deren Wünschen überein.« (12)

III) Rund zehn Jahre nach dem Attentat gestand Ljuba JOWANOWITSCH, serbischer Kultusminister 1914, Innenminister beim Salonikiprozeß, Präsident der Skupschtina (Parlament) 1924:

»Ja, wir alle haben vorher um das Attentat und seine politische Zielsetzung gewußt.«(13)

IV) Als österreichische Truppen im Ersten Weltkrieg die Stadt Nisch eroberten, in der sich vorher Oberkommando und Generalstab der serbischen Armee befunden hatten, entdeckten sie ein von Zar NIKOLAUS unterzeichnetes Schriftstück an den Kronprinzen ALEXANDER. Darin waren die Bedingungen für Serbien aufgezählt, um in den Genuß russischer Bündnistreue zu gelangen. Serbien dürfe unter keinen Umständen den Geheimbund >Narodne Odbrane<, der mit der >Schwarzen Hand< den Mord organisiert hatte, auflösen; Serbien müsse das Ultimatum aus Wien abweisen; dafür halte Rußland seine bewaffnete Macht zur Unterstützung Serbiens bereit und fordere Serbien zum Kampf bis auf das äußerste auf.

3. Fischers Schuldzuweisung für 1914

In seinem Bemühen, die Ententestaaten zu entlasten, schreibt FISCHER zum Kriegsausbruch:

»Die Gesamtmobilmachungen Rußlands und Österreich- Ungarns am 30. Juli 1914 lösten den erwarteten automatischem Wettlauf der Mobilmachungen in den übrigen Staaten aus. Das deutsche Taktieren hatte nur noch eine Absicht, Rußland auf alle Fälle die Kriegsschuld zuzuschieben, um so wenigstens die mögliche Opposition der Sozialdemokraten auszuschalten.«(14)

Und wenige Seiten später schreibt er in dem Abschnitt »Um die ,Schuld‘ am Weltkrieg«:

»Da Deutschland den Österreich-serbischen Krieg gewollt, gewünscht und gedeckt hat, und, im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit, es im Jahre 1914 bewußt auf einen Konflikt mit Rußland und Frankreich ankommen ließ, trägt die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges.«(15)

Von Rußlands Schuld ist nicht die Rede.

Juni 1912: WILHELM II. und Zar NIKOLAUS schreiten in Baltischport gemeinsam die Front des 85. Wiborger Regiments ab. Zu diesem Zeitpunkt (nach dem ersten Balkankrieg) hält sich Rußland (noch) auffallend vom Balkan zurück, was Kriegstreiber und Revanchist POINCARÉ in große Bestürzung bringt.

FISCHER weiß anscheinend nicht oder verschweigt, daß die drei ranghöchsten Militärs der Zarenarmee, Kriegsminister Wladimir Alexandrowitsch SUCHOMLINOW, Generalstabschef JANUSKJEWITSCH und der Chef der Mobilmachungsabteilung des Heeres, General Sergej DOBROROLSKY, sich später dazu geäußert haben, daß und wie man in Petersburg zum Kriege trieb. In FISCHERS „Werk“ wird keiner der drei Genannten erwähnt.(16)

Für FISCHER datiert die russische Teilmobilmachung erst vom 25. Juli, die Totalmobilmachung vom 30. Juli 1914. Er übergeht dabei die folgenden für die Beurteilung der damaligen Vorgänge wichtigen Tatsachen:

A) Am 30. September 1912 verkündet Zar NIKOLAUS die neuen Mobilmachungsordern. Die Präambel hat folgenden Wortlaut:

»Allerhöchst ist befohlen worden, daß die Verkündung der Mobilisation zugleich auch die Ankündigung des Kriegszustandes mit Deutschland ist. Die allgemeine Aufgabe der Truppen der Nordwestfront ist nach Beendigung der Konzentrierung: Übergang zum Vormarsch gegen die bewaffneten Kräfte Deutschlands, mit dem Ziel, den Krieg in dessen Gebiet hineinzutragen.«

Die russische Mobilmachung war also zugleich eine geheime Kriegserklärung, die unmittelbar in kriegerisches Handeln münden sollte.

B) Schon kurze Zeit nach Kriegsbeginn fielen bereits vorher aufmarschierte starke russische Armeen in Ostpreußen ein, wo es zu den Schlachten bei Gumbinnen (14. – 19. 8. 1914) und bei Tannenberg (24. – 30. 8. 1914) kam. Insbesondere hätten die in der Schlacht bei den Masurischen Seen ab 11. September 1914 dort geschlagenen sibirischen Armeekorps noch gar nicht anwesend sein können, wenn erst am 25. Juli mobilisiert worden wäre. Zum Herbeischaffen wären unter den damaligen Verhältnissen mindestens zwei Monate nötig gewesen. Ebenso hätten die kaukasischen Divisionen nicht für die Schlacht bei Lemberg am 26. August 1914 zur Stelle sein können.

C) In MORELS „Foreign Affairs“(17) berichtet der Geschichtsprofessor Fred C. CONYBEARE, daß der englische Agent des >Lloyd< in Petersburg, MCLELLAND, einige Tage vor dem Mord in Sarajewo Befehl erhalten habe, sich nach Kronstadt (Hafen nahe Petersburg) zu begeben, um über eine soeben aus Holland dort eingetroffene große Flotte von Handelsschiffen zu berichten. Zu seinem Erstaunen fand der Agent sie ohne Ladung. Auf seine Fragen erfuhr er, daß diese Flotte unter dem Schutz britischer Kriegsschiffe russische Truppen nach Pommern bringen solle, wenn die russische Armee die Oder erreicht habe.

Am selben Tag wurde dem Agenten vom Petersburger Oberbürgermeister eröffnet, »Krieg stände unmittelbar bevor.« CONYBEARE: »MCLELLAND teilte mir dies und vier anderen Herren mit, die neben mir im Rauchsalon der >Empress of France< saßen. Es ist somit klar, daß die britische Admiralität mindestens 14 Tage vor dem Mord an FRANZ-FERDINAND diese Schiffe in kriegerischer Absicht nach Kronstadt gesandt hat.« Die Entsendung solch großen Schiffsraums von privaten Reedereien setzt aber monatelange Planungsarbeiten voraus.

D) Am 29. Dezember 1913 wird durch einen Ukas in Rußland angeordnet, daß neu eingezogene Reservisten bei den Truppen zu bleiben haben und daß Rekruten, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben, nicht entlassen werden dürfen.

E) Am 21. Februar 1914 werden auf einer Kronratssitzung in Zarskoje Seelo die russischen Kriegsziele festgelegt. Unter anderem wird mit Zustimmung des Zaren die Eroberung Konstantinopels im Rahmen des zukünftigen Krieges beschlossen.(18)

Im Bereich der Masurischen Seen mußten die Russen im September 1914 zwei schwere Niederlagen durch deutsche Armeen hinnehmen. Zunächst war die Lage der Deutschen an der Ostfront sehr kritisch gewesen, sie mußten den russischen Vormarsch (darunter sibirische Armeekorps!!) gegen einen sechsfach überlegenen Feind aufhalten. Erst ab 26. August 1914 konnten sie mit neuen Verstärkungen die Russen im Norden (bis Bischofsburg) und im Süden zurückdrängen. Die entscheidende Phase erfolgte dann im Bereich Tannenberg, als das russische Zentrum eingeschlossen wurde

F) Am 2. April 1914 beginnt die Probemobilmachung der russischen Landwehrtruppen.

G) Am 6. Mai 1914 beginnt Rußland seine Gesamtmobilmachung durch Verkündung der ersten Stufe der Kriegsvorbereitungsperiode.

H) Am 10. Mai 1914 wird in einem Zaren-Ukas an den Militärbezirk Wilna, der an Deutschland angrenzt, dem Kommandanten befohlen, Truppen einzuziehen »für den Fall eines Krieges, dies in der Zeit zwischen dem 14. Mai und 28. Juni« (dem Tag des Attentats).(19)

I) Am 23. Juli 1914 teilt der serbische Gesandte in Petersburg in einem Zirkulartelegramm den anderen serbischen Botschaften mit, daß Rußland die Mobilmachung von zwei Millionen Mann befohlen habe.

J) Am 25. Juli 1914 wird der deutsche Botschafter in Petersburg, VON POURTALES, über den angeblich erst jetzt erfolgten Beginn der Teilmobilmachung unterrichtet, die Außenminister SASONOW als »Vorsichtsmaßnahme« ausgibt.

K) Am Nachmittag des 26. Juli begibt sich von POURTALES ZU Kriegsminister SUCHOMLINOW, um diesem seine Besorgnis über den offensichtlichen Unterschied zwischen den amtlichen russischen Äußerungen und den persönlich wahrgenommenen russischen Maßnahmen zur Mobilmachung auszudrücken. Am Abend dieses Tages läßt der Kriegsminister den deutschen Militärattaché VON EGGELING zu sich kommen und gibt diesem sein Offiziersehrenwort, daß keine weiteren Mobilisierungsmaßnahmen ergriffen würden als die offiziell zugegebenen.

L) Am 29. Juli sendet von POURTALES ein Telegramm (Nr. 186) nach Berlin, in dem es u. a. heißt:

»Generalstabschef bat mich zu sich und eröffnete mir, er komme soeben von S.M. Kriegsminister habe ihn beauftragt, mir nochmals zu bestätigen, daß alles geblieben sei, wie mir vor zwei Tagen mitgeteilt. Er gab mir in feierlichster Form Ehrenwort und bot schriftliche Bestätigung an, daß bis zur Stunde 3 Uhr nachmittags nirgends Mobilmachung. . . Hier liegen vielfache Nachrichten über erfolgte Einziehung von Reservisten in verschiedenen Reichsteilen, auch Warschau und Wilna, vor. .. Ich hielt deshalb dem General vor, daß seine Eröffnung mich vor ein Rätsel stellen. Er erwiderte auf Offiziersparole, daß solche Nachrichten unrichtig seien, allenfalls hie und da falscher Alarm. .. In Anbetracht der zahlreichen positiven Nachrichten über erfolgte Einziehungen muß ich das Gespräch als einen Versuch der bewußten Irreführung halten.«

Kurz nach der Mittagsstunde des 1. August 1914 überschreitet russische Kavallerie an vier Stellen die ostpreußische Grenze in Gefechtsformation. Als die Reichsregierung und der deutsche Generalstab davon erfahren, wird VON POURTALES beauftragt, sich sofort in das russische Außenministerium zu begeben und darauf zu dringen, daß diese Truppen zurückgezogen werden, anderenfalls man gezwungen sei, Rußland den Krieg zu erklären.

VON POURTALES drahtet nach dem Scheitern seiner Bemühungen am 1. August nach Berlin (Telegramm Nr. 214):

»Telegramm Nr. 159 5 Uhr 45 nachm. russ. Zeit hier eingegangen. Ich habe nach Entzifferung um 7 Uhr russ. Zeit Herrn SASANOW dreimal hintereinander gefragt, ob er mir die im Telegramm verlangte Erklärung, betreffend Einstellung der Kriegsmaßnahmen gegen uns und Osterreich, geben könne. Nach dreimaliger Verneinung dieser Frage habe ich befohlene Note übergeben.«

Damit war der Krieg durch das mit erheblichen Täuschungen verbundene russische Handeln unvermeidbar geworden und das Schicksal nahm seinen Lauf zum Schaden ganz Europas.

In diesem Zusammenhang ist noch eine Erklärung von Admiral KOLTSCHAK, der im Jahre 1907 Oberkommandierender der russischen Ostseeflotte und nach 1917 führender Kopf der russischen Konterrevolution war, zu erwähnen, die er 1920 nach seiner Gefangennahme durch die Bolschewisten beim Verhör durch das Revolutionstribunal in Irkutsk zu Protokoll gab:

»Schon im Jahre 1907 gelangten wir zu dem ganz bestimmten Schluß, daß ein europäischer Krieg unvermeidbar war. Nach einem langen und eingehenden Studium. .. entschied sowohl der Marinestab als auch der Generalstab, daß Rußland auf der Seite der Gegner Deutschlands stehen würde. Ich will betonen, daß der Krieg völlig vorgesehen, völlig vorbereitet war. Er war keineswegs unerwartet, und selbst bei der Bestimmung des Termins seines Ausbruchs hatte man sich nur um ein halbes Jahr geirrt.«

Die Schuldfrage für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, die schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts zugunsten des Reiches international beantwortet war, dürfte damit gegen FISCHERS Meinung erneut entschieden sein: Deutschland hatte von den beteiligten europäischen Großmächten den geringsten Anteil an der Kriegsschuld. (20)

»Wenn die Regierenden Frankreichs, die POINCARÉS. .., den Frieden gewollt hätten, dann hätten sie dem russischen Plan ihr Veto entgegengesetzt. Sie hatten die Macht dazu. Ohne französisches Geld hätte der Plan nicht ausgeführt werden können. Ohne die Gewißheit der französischen militärischen Unterstützung wäre der Plan eine Schimäre gewesen. Rußlands Plan war ein reiner Angriffsplan. Rußland war weder durch Österreich noch durch Deutschland noch durch irgendeine andere Macht, sondern nur durch seine eigene widerliche innere Mißwirtschaft bedroht. Die Regierenden Frankreichs aber entschieden sich dahin, den Plan im Interesse ihrer eigenen Fehde mit Deutschland zu unterstützen. Als sie dies taten, verrieten sie ihr eigenes Volk und die Zivilisation, und infolge der Täuschung, die unsere eigenen Regierenden an unserem Volke begingen, haben uns die Regierenden Frankreichs in den Krieg hineingerissen.« (21)


Quellen:

1 Fritz FISCHER, Der Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918, Droste, Düsseldorf 1961.
2 Ebenda, S. 12.
3 GISBERT von Romberg (HG.), DIE FÄLSCHUNGEN DES RUSSISCHEN ORANGEBUCHES, VEREINIGUNG WISSENSCHAFTLER VERLEGER, BERLIN 1922. VON DEN 60 VERÖFFENTLICHTEN DEPESCHEN WAREN FÜNFZIG IM SINN VERFÄLSCHT UND ANDERE UNTERSCHLAGEN.
4 Es handelt sich meist um Depeschen des zaristischen Botschafters Alexander Petrowitsch ISWOLSKI an das Petersburger Auswärtige Amt. Besonders wichtig sind die Depeschen Nr. 111, 113, 526, 539, 564, 635 und 684. Darin schildert der Botschafter u.a., wie er gemeinsam mit dem französischen Ministerpräsidenten POINCARÉ die französische Presse mit Hilfe von Schmiergeldern auf Kriegskurs gebracht habe. In Depesche Nr. 113 heißt es u.a.: »man solle von Rußland aus mich mit ausreichenden Geldmitteln versehen, um auf die hiesige Presse einzuwirken… um den wichtigsten hiesigen Organen, die fast alle nur >klingenden Argumenten< zugänglich sind, die gewünschte Richtung zu geben.«
5 Diese wurden u. a. ab September 1922 in der Londoner Zeitschrift Foreign Affairs des Labour-Abgeordneten Dene MOREL veröffentlicht. In deutscher Übersetzung erschienen als Rede über die Kriegsschuldfrage, gehalten von US-Senator Robert L. OWEN am 18. Dezember 1923 vor dem US-Senat, bei Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin 1925, S. 18-32.
6 Milos BOGHITSCHEWITSCH, Die auswärtige Politik Serbiens 1903-1914, Brückenverlag, Berlin 1928-31.
7 FISCHER, aaO. (Anm. 1), S. 57.
8 Ebenda, S. 58.
9 Siehe Karl HEISE, Entente-Freimaurerei und Weltkrieg, Ernst Finckh, Basel 1919; Neuauflage Verlag für ganzheitliche Forschung, Wobbenbüttel; Neutrale Komitees und Gelehrte über die Schuld am Weltkrieg, Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin 1928, S. 132-142.
10 FRIEDRICH Wührtle, DOKUMENTE SARAJEVOPROZEß, BERGER, WIEN 1978, S. 76-81
11 MILOS BOGHITSCHEWLTSCH, KRIEGSURSACHEN, ORELL FÜSSLI, ZÜRICH 1919, S. 109.
12 MILOS BOGHITSCHEWLTSCH, KRIEGSURSACHEN, ORELL FÜSSLI, ZÜRICH 1919, S. 109.
13 LJUBA Jowanowitsch IN: OHZOR, 27. 4. 1926.
14 FISCHER, aaO. (Anm.1), S. 95.
15 Ebenda, S. 97
16 SUCHOMLINOW und JANUSKJEWITSCH haben in dem gegen sie inszenierten Schauprozeß geschildert, wie die russische Kriegspartei die deutsche Regierung und auch den Zaren hereingelegt hat. DOBROROLSKI hat 1921 den wahren Ablauf der russischen Mobilmachung in dem Aufsatz »Die Mobilisierung der russischen Armee 1914« geschildert.
17 1921, S. 144, nach: Neutrale Komitees, aaO. (Anm. 9), S. 121
18 Siehe Maxim GORKI in: Novaja Shisn, 18. 2. 1918.
19 Siehe Neutrale Komitees, aaO. (Anm. 9), S. 128.
20 Ausführlicher in: Wolfgang HACKERT, »Geschichtsfälschungen zum Kriegsausbruch 1914« in: Deutschland in Geschichte und Gegenwart, Nr. 4, 1992, S. 25-29
21 Aus: E. D. MOREL, Das Gift, das zerstört. Die Mär von dem deutschen Kriegsanschlag 1914, 1924, Facsimile-Ausgabe: Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 2005.


Immer deutlicher wird das infame und kriegstreiberische Spiel Rußlands gegenüber Deutschlands und Europas aus der Vorkriegszeit. Wenn sich heute der russische Präsident Putin hinstellt, der 1. Weltkrieg wäre nicht nur die alleinige Schuld Deutschlands, sondern auch die anderen Kriegsteilnehmenden Staaten hätte eine Mitschuld, so ist dies auch eine Lüge. Denn offensichtlich möchte der russische Präsident von der maßgeblichen Schuld des damaligen Rußlands ablenken. Nach wie vor steht das Interesse Rußlands das Schwarze Meer, sowie den Bosporus, den Zugang zum Mittelmeer kontrollieren zu wollen. Es ist für Rußland ein äußerst wichtiges strategisches geographisches Gebiet, um seine Macht demonstrieren oder ausweiten zu können. Damals wie heute!

Es reicht nicht die Aussage Rußlands, in Syrien ausschließlich humanitäre Hilfe zu leisten. Es geht um geostrategische Punkte, die Rußland benötigt, um eine eventuelle Expansion oder defensive Aktionen militärisch erfolgreich umsetzen zu können. In Syrien kämpft Rußland an der Seite von Assad, weil er einer der wenigen Machthaber im Nahen Osten ist, der die russische Interessen vertritt und sie für sich nutzen kann. Wie auch immer der syrische Krieg zu beurteilen ist, so ist es doch ein Krieg mit Rußland, aber weniger gegen Israel, sondern mehr für russische Interessen.


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