Verwirrung und Neugruppierung – Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts

      Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts - Teil 1

Glanz und Mythos einerseits, Schande und Schreckbild andererseits. Mit dem Namen Preußen verbinden sich gegensätzliche Assoziationen und eine Reihe von Klischees, so etwa Graf Mirabeaus Ausspruch: „Andere Staaten haben eine Armee; in Preußen hat die Armee einen Staat.“ Es wurde Preußens Funktion, „seine unvorhersagbare, ungewollt, vom Eigensinn der Geschichte ihm zugespielte Chance und Aufgabe, der deutschen Nation ihre moderne Form zu geben“. Während aus Bayern und Würtembergern Deutsche wurden, wurde aus einem Volk von Bauern gleichzeitig ein Volk von Arbeitern und Angestellten. Deshalb stehen im Überblick über die deutsche Geschichte zwischen 1861 bis 1888 neben den politischen und militärischen Umwälzungen auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen im Mittelpunkt. Und natürlich ein Mann, der in dieser Zeit, und in der „modernen deutschen Geschichte“ überhaupt, eine „unvergleichliche Rolle“ gespielt hat: Bismarck.

Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

»Wer sich in die Geschichte der deutschen Nation vertieft, der hat leicht den Eindruck eines unruhigen Lebens in Extremen … Einmal erreichen deutsche Gestalten die höchsten geistigen Höhen, auf denen je Menschen gelebt haben, indessen gleichzeitig trübe Mittelmäßigkeit den öffentlichen Ton beherrscht. Von apolitischer Ruhe wendet Deutschland sich zur aufgeregtesten politischen Tätigkeit, von buntscheckiger Vielgestalt zu radikaler Einheitlichkeit; aus Ohnmacht erhebt es sich zu aggressiver Macht, sinkt zurück in Ruin, erarbeitet sich in unglaublicher Schnelle neuen, hektischen Wohlstand. Es ist weltoffen, kosmopolitisch, mit Bewunderung dem Fremden zugeneigt; dann verachtet und verjagt es das Fremde und sucht das Heil in übersteigerter Pflege seiner Eigenart. Die Deutschen gelten als das philosophische, spekulative Volk, dann wieder als das am stärksten praktische, materialistische, als das geduldigste, friedlichste, und wieder als das herrschsüchtigste, brutalste. Das Land der Dichter und Denker und gleichzeitig die Heimat des „Furor Teutonicus“, ein Volk sowohl von furchterregender Effektivität als auch manchmal befallen von einer geradezu rätselhaft-typischen Melancholie, oft auch mit einer von den europäischen Nachbarn als Gefühlskälte empfundenen Pedanterie.

„Deutscher zu sein“ ist ein ganz bestimmter Bewusstseinszustand und zwar ein Bewusstseinszustand, den man nicht „haben“ kann, sondern den man sich immer wieder erwerben muss.

Er hat ganz sicher etwas mit dem deutschen Idealismus zu tun, der aber heute in anderen Ländern bekannter und auch immer noch aktueller ist, als in Deutschland selbst. Daher ist es so schwierig mit der deutschen Kultur, daher ragen in der deutschen und österreichisch-deutschen Kultur immer nur einzelne Individualitäten heraus, die sich in die Hand genommen haben, während die breite Masse beherrscht sein will…

„Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ sagt der, der seine geistige Orientierung verloren hat, es sagt der, der Furcht hat, Furcht vor dem Kommenden.

Gelesen von Achim Höppner


Quelle und Kommentare hier:
Print Friendly

Das könnte Dich auch interessieren: