Was plant die US-Kriegspartei im Baltikum?

von Rainer Rupp

An der russischen Grenze können die Amerikaner einen Krieg nur verlieren. Warum provozieren sie dennoch die Russen mit provokativen Militäraufmärschen?

In der Öffentlichkeit und auch im privaten Leben nehmen derzeit die besorgten Fragen zu, ob die größten Munitions- und Panzerfahrzeugtransporte des US-Militärs in Richtung russischer Grenze seit dem Zweiten Weltkrieg, nach Polen und ins Baltikum, als Kriegsvorbereitungen gesehen werden müssen.

Die Sorge ist verständlich. Vor dem Hintergrund der zum Ende seiner Amtszeit hin bald schon Fragen an der Zurechnungsfähigkeit aufwerfenden, säbelrasselnden Rhetorik des scheidenden Friedensnobelpreisträgers im Weißen Haus und des teils schon hysterischen Kriegsgeschreis der Mainstream-Medien sind die Befürchtungen berechtigt.

Immer stärker war Obama in den letzten Jahren in die so genannte „Kriegspartei“ eingebettet worden. Wenn es um die Sicherung der US-Hegemonie geht, egal mit welchen Mitteln, sind die Neokonservativen der Republikaner und die liberalen Falken der Demokraten ein Herz und Seele.

Dennoch kann man in dem zusätzlichen militärischen Aufmarsch von 2.000 US-Fahrzeugen unterschiedlichsten Typs, darunter vielen schweren Panzern und gepanzerter Artillerie, und 4.000 Soldaten vor allem in Polen an der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad keine Vorbereitungen für einen unmittelbar bevorstehenden Krieg sehen.

Der Grund dafür ist einfach. Alle Stabsmanöver des US-Militärs und Simulationen eingebetteter „ziviler“ Denkfabriken haben der politischen und militärischen Führung der USA klar gemacht, dass sie in Osteuropa, selbst mit Unterstützung der Polen und Balten, einen direkten konventionellen Krieg gegen Russland im Baltikum oder auch um Kaliningrad „nicht gewinnen und sehr wahrscheinlich verlieren“ würden!

Zugleich würden sie die ganze Zeit über in einem höchst unübersichtlichen Umfeld am Rande eines zunächst begrenzten Atomkriegs operieren, der jedoch schnell aus dem Ruder laufen und auch US-Territorium in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Zu den Zeiten des Kalten Krieges kursierte unter den deutschen Mitarbeitern im NATO-Hauptquartier in Brüssel der sarkastische Spruch:

„Die Amerikaner sind fest entschlossen, bis zum letzten Deutschen gegen die Sowjets zu kämpfen.“

Man kann heute davon ausgehen, dass das Pentagon in Ermangelung deutschen Nachwuchses in den Polen und Ukrainern das willige und geeignete Kanonenfutter gegen die Russen sieht. Aber selbst in diesem Fall – so zumindest die in Simulationen gewonnenen, spieltheoretischen Erkenntnisse – könnten sie nicht gegen Russland gewinnen. Punkt. Aber was veranlasst Washington dann überhaupt zu diesem massiven und gefährlichen militärischen Aufmarsch „in Sichtweite“ der russischen Grenzen?

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die deshalb plausibel sind, weil sie die erklärte, langfristige US-Strategie untermauern, nämlich ein Zusammengehen der an Ressourcen reichen Sowjetunion, deren Kernland Russland war, mit der Hochtechnologie Westeuropas – vor allem der deutschen – zu verhindern.

Noch vor sieben Jahren wollten Frankreich und Deutschland zum Entsetzen Washingtons in der EU eine „strategische Partnerschaft mit Russland“ durchsetzen. Das haben die USA mithilfe der Russenhasser in den Regierungen der osteuropäischen EU-Mitglieder sehr erfolgreich hintertrieben, was die aktuelle Situation mit erschreckender Deutlichkeit klarmacht. Und diese Situation will der scheidende Friedensnobelpreisträger im Weißen Haus weiter festigen.

Der aktuelle US-Panzeraufmarsch in Polen gehört zur US-Taktik, die im Pentagon schon zu Zeiten des Kalten Krieges den Namen „Poking the Bear“ hatte. So etwas hatte man früher bei den Wanderzirkussen betrieben. Mit einem spitzen Stab oder einer Lanze hatte man den Bären im Käfig bis aufs Blut gereizt, damit dieser zum erschrecklichen Schauder der Zuschauer richtig wütend wurde und furchtbar raste und brüllte.

So konnte man dem Publikum vorführen, wie gefährlich dieses Tier ist und dass man unbedingt starken Schutz benötigt, um den Bären im Käfig zu kontrollieren. Genau das versuchen die Amis derzeit mit dem „russischen Bären“ dem westeuropäischen Publikum vorzuführen. Nur benimmt sich der Bär äußerst zivilisiert und das Publikum missbilligt stattdessen die Provokateure.

Zugleich dient die große US-Militärshow mit 4.000 Soldaten, 2.000 Panzern und anderen Fahrzeugen dem Zweck, die russophoben Kleptokraten, nationalistischen Ultras und Faschisten an der Spitze der osteuropäischen Regierungen in ihrer Standhaftigkeit gegen Moskau zu bestärken.

Damit will Washington ihnen beweisen, dass auf die Amerikaner im Ernstfall gegen die Russen Verlass ist, im Unterschied zu den wankelmütigen Europäern und der ohnehin bröckelnden Europäischen Union. Damit treibt Washington den Keil, den es zwischen Russland und Westeuropa innerhalb Europas getrieben hat, noch ein Stück tiefer und kommt seinem wichtigsten strategischen Ziel dort ein weiteres Stück näher.

Zudem sollte man den derzeitigen US-Militäraufmarsch als ein weiteres Element der aktuellen Maßnahmen der scheidenden Obama-Regierung im Angesicht ihres Ausscheidens aus dem Amt sehen. Mit Blick darauf sollen die Beziehungen zwischen den USA und Russland auf der diplomatischen, kulturellen, wirtschaftlichen und militärischen Ebene derart vergiftet werden, dass es für den nächsten Präsidenten Trump extrem schwer sein wird, trotz seiner bekannten freundlichen Offenheit gegenüber Moskau die Beziehungen wieder ins Lot zu bringen.

Denn dafür müsste Trump erst einmal alle Maßnahmen seines Vorgängers Obama rückgängig machen und dagegen würde sich in den MSM und dem so genannten „sicherheitspolitischen Establishment“ der Kriegspartei ein endloser Sturm der Entrüstung erheben. Die Vorwürfe, dass Trump die Sicherheit der USA an Putin verkauft, dass er also doch eine Marionette des Kremls ist, der nur dank Putins „Cyber-Hackings“ die Wahl gewonnen hat, kurz alle diese bereits jetzt erhobenen Vorwürfe zur Delegitimierung Trumps würden sich überschlagen. Das letztendliche Ziel dieser Strategie wäre eine Amtsenthebung.


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