Wenn die Republik zerfällt

von Grinario

Rom lehrt uns den Zerfall von Machtstrukturen und die Auflösung der inneren Ordnung bis hin zum Bürgerkrieg. Warum lernen wir nicht nicht aus der Geschichte? 

In einem ca. hundertfünfzigjährigen Verlauf einer von Enteignung, Mord und Bürgerkrieg und geprägten Umwälzung wandelte sich die politische Verfassung des Römischen Reichs von einer Republik unter Vorherrschaft des im Senat repräsentierten römischen Adels zu einer vom Militär gestützten Alleinherrschaft eines Prinzeps, der in späteren Zeiten den Titel eines Caesar bzw. Augustus führte.

Über kaum einen Vorgang der antiken Geschichte Europas sind wir so gut informiert, wie über die Phase der späten Römischen Republik. Sehr genau kann man beobachten, wie sich die sozialökonomischen Veränderungen im Gefolge der ständigen Expansion der Republik auf die Machtverhältnisse und auf das Verhalten der politischen Eliten der Republik auswirkten. Anfang und Ende des Transformationsprozesses hin zum Prinzipat wurden in zwei Beiträgen schon angesprochen (vergl. „Wenn die Maske der Macht fällt“ und „Wenn politische Ordnung zerbricht“.

Gefahr für die innere Ordnung

Zusammenfassend und etwas zugespitzt gesagt, folgte dem Untergang der Republik die Aufrichtung einer Militärdiktatur. Nachdem die Armee der Wehrpflichtigen zum Ende der Römischen Republik abgeschafft und durch eine Söldnerarmee ersetzt wurde, verselbstständigte sich der Militärapparat des Römerreichs zusehends. Die römischen Landser waren nun darauf angewiesen, dass der jeweilige militärische Befehlshaber ihre Versorgung nach dem Militärdienst, die anfangs aus zugewiesene Landparzellen bestand, gegenüber der römischen Aristokratie durchsetzen musste. Die Soldaten begriffen sich nicht mehr als kämpfende Bürger der Republik, sondern als Gefolgschaft ihres Feldherrn, für dessen Interessen sie nach dem Ende des Militärauftrags für die Republik, aber auch als Veteranen auch nach ihrer Entlassung aus der Armee weiter kämpften.

Der römische Feldherr Sulla hatte mit seinem zweimaligen Marsch auf Rom, auch wenn er dies zur Durchsetzung der Senatsherrschaft unternahm, die politische Elite Roms geschockt. Nun konnte jeder erkennen, was die Heeresreform an Nebenwirkungen mit sich brachte. Und jedes neue militärische Kommando, dass man zur Sicherung von Roms Machtstellung im sich immer noch ausdehnenden Mittelmeerreich einsetzen musste, wurde nun gleichzeitig zur Gefahr für die innere Ordnung. So formulierte auch der griechische Schriftsteller und Biograph Plutarch (um 45 – um 125 n. Chr.), auch wenn im Zusammenhang mit einem Mitte der 70er-Jahre ausgeübten spanischen Kommando des Pompeius geäußert, ein durchaus berechtigtes allgemeines Misstrauen der römischen Aristokratie allen Befehlshabern gegenüber, wenn er schrieb:

Es „bestand doch ein Argwohn und die Befürchtung , daß er das Heer nicht entlassen, sondern mit Waffengewalt stracks den Weg zu der monarchischen Machstellung Sullas beschreiten werde“ (Plutarch, Große Griechen und Römer, Agesilaos und Pompeius, Pompeius 21).

Für die sich jetzt bildende neue Herrschaftsform kann man beschönigend den Begriff „Militärmonarchie“ verwenden, man kann sie aber genauso gut und sehr viel deutlicher als die römische Ausprägung einer Militärdiktatur bezeichnen. Als Militärdiktatur wird in der Geschichtswissenschaft und in der Publizistik gemeinhin eine unkontrollierte Machtausübung durch einen oder einige militärische Befehlshaber bezeichnet. Sehr oft geht der etablierten Militärdiktatur der Ausnahmezustand voraus, der dann immer weiter verlängert schließlich zur dauerhaften Einrichtung wird.

Wir haben uns daran gewöhnt, die Militärdiktatur vor allem als Herrschaftsform der Neuzeit zu sehen und benutzen auch entsprechende Begriffe, die aus dem Bereich der neueren Geschichte kommen, so z. B. „Militärjunta“ für ein Gremium von Militärs, das die oberste Macht ausübt. Tatsächlich aber ist die Militärdiktatur keine Ausnahme in der Geschichte, sondern eine Form der Herrschaftsausübung, die immer wieder zu beobachten ist, so eben auch in der Geschichte der Antike. Die Art, wie sie jeweils errichtet, ausgeübt und gerechtfertigt wird, ist zeit- und kulturabhängig, der Kern ihres Wesens, die Übernahme der Herrschaft durch die Waffenträger, ist immer gleich.

Ab ca. 60 v. Chr. begann der beschleunigte Zusammenbruch der alten Ordnung, der hier noch einmal mit Fokussierung auf die beiden überragenden Kriegsherren der späten Römischen Republik, Gnäus Pompeius Magnus und Gaius Julius Caesar, beispielhaft dargestellt werden soll. Mit der Alleinherrschaft Caesars war die Republik dann an ihr Ende gekommen, auch wenn römische Senatoren durch ihr erfolgreich ausgeführtes Attentat gegen Caesar noch glaubten, die Republik zu retten.

Außerordentliche Imperien

Gnäus Pompeius Magnus (106 – 48 v. Chr.) war der ältere der beiden römischen Warlords, die als geniale Feldherrn die Endphase der römischen Republik einleiteten. Pompeius stand in den Zeiten des Diktators Sulla aufseiten der Senatsaristokratie und hat mit sehr erfolgreichen militärischen Operationen 82/81 v. Chr. nicht wenig dazu beigetragen, die Senatsherrschaft noch einmal für 20 Jahre zu stabilisieren. Allerdings waren Art und Weise seiner Unterstützung schon weit außerhalb der Normen der republikanischen Verfassung: Pompeius stellte aus den Veteranen und der Klientel seines Vaters eine Privatarmee auf, die er Sulla dann zuführte.

Erst durch den späteren Diktator Sulla wurden diese Legionen dann über einen militärischen Auftrag legitimiert und damit reguläre Soldaten der Republik. Allein das zeigte schon das Zerbrechen der alten republikanischen Ordnung auf. Sulla wusste, was er ihm zu verdanken hatte. Er gab ihm den Beinamen „Magnus“ und verheiratete ihn außerdem mit seiner Stieftochter Aemilia.

Ab jetzt war Pompeius ein Machtfaktor in der römischen Republik. Ab 82 agierte er im Auftrag des Diktators Sulla mit proprätorischem Imperium, ohne je Prätor gewesen zu sein, in Sizilien. 77 v. Chr. erlangte er, wieder unter Umgehung der eigentlich vorgesehenen Ämterlaufbahn, ein prokonsulares Imperium in der Provinz Hispania citerior zur Bekämpfung des popularen Rebellen Sertorius. Dieser überragende Militärführer zeigte ihm allerdings zum ersten Mal seine Grenzen auf. Der „Magnus“ konnte ihn militärisch nicht schlagen, erst nach der Ermordung des Sertorius in internen Machtkämpfen der Aufständischen, konnte Pompeius militärisch den Schlussstrich ziehen. Das außerordentliche Imperium in Spanien währte, auch dies mit den Normen der Republik absolut nicht zu vereinbaren, sechs Jahre lang. Im Jahre 70 wurde Pompeius zusammen mit Marcus Licinius Crassus, der früher ebenfalls zum Tross des Sulla gehörte, zum ersten Mal Konsul und bekleidete damit ein reguläres römisches Amt.

Nach dem Konsulat folgten die weiteren außerordentlichen Imperien, die Pompeius in der Antike berühmt gemacht haben: 67/66 der Oberbefehl über den gesamten Mittelmeerraum zur Bekämpfung der Seeräuber und schließlich 66 – 62 der Oberbefehl im dritten Krieg gegen den pontischen König Mithridates VI, der nach siegreicher Beendigung des Kriegs zur Neuordnung Kleinasiens durch Pompeius führte, unter anderem wurde das Herrschaftsgebiet des Mithridates nun als neue Provinz Bithynia et Pontus in das Reich eingegliedert.

Die außerordentlichen Imperien des Pompeius in dieser Zeit zeigten unerbittlich auf, dass die imperialen Aufgaben des Weltreichs offenbar in den Strukturen der alten Republik nicht zu erfüllen waren. Die Normen von Annuität und Kollegialität der herkömmlichen republikanischen Magistraturen hatten sich überlebt. Das Imperium zur Bekämpfung der Seeräuber war auf drei Jahre angelegt, für den Krieg gegen Mithridates gab es offenbar von Vornherein keine zeitliche Begrenzung.

Das Erste Triumvirat

Nach seiner Rückkehr aus Asien in Brundisium angekommen, entließ Pompeius, ganz gemäß den alten Regeln der Republik, seine Truppen in der etwas voreiligen Erwartung, dass der römische Senat nun über ein Agrargesetz seine Veteranen mit der Zuweisung von Land entsprechend versorgen würde. Der Senat aber, dem die offen ersichtliche überragende Machtstellung des Pompeius inzwischen viel zu groß war, verweigerte jede Zusammenarbeit.

In dieser Situation entstand ein politisches Bündnis, welches für das weitere Schicksal der Republik entscheidend wurde: das sogenannte Erste Triumvirat. Dem aufstrebenden Politiker aufseiten der Popularen Gaius Julius Caesar gelang das Kunststück, ein (im Gegensatz zum späteren Zweiten Triumvirat) informelles Drei-Männer-Bündnis mit den beiden erfahrenen Militärführern Pompeius und Marcus Licinius Crassus zu bilden, die bisher eigentlich dem Lager der Optimaten zuzurechnen waren. Die neuen Triumvirn hatten offenbar keine Bedenken mit bisherigen politischen Gegnern gemeinsame Sache zu machen, wenn es um die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen ging.

Caesar (100 v. Chr. – 44 v. Chr.) entstammte dem Patriziergeschlecht der Julier, dessen Ruhm zur Zeit seiner Geburt schon sehr verblasst und dessen Reichtum eher begrenzt war. Eines der großen Anliegen Caesars im Triumvirat war dann auch, sich eine eigene finanzielle Basis aufzubauen. Im Gegensatz zu Pompeius absolvierte Caesar vorschriftsmäßig die Ämterlaufbahn als Quästor, Ädil und Prätor, wo er auch erste militärische Meriten erwerben konnte. Doch der junge Mann wollte mehr, und das hoffte er mit dem Bündnis zu erreichen. Seinen brennenden Ehrgeiz fasste der Biograph Sueton, ob wahr oder unwahr sei dahingestellt, in folgender Bemerkung zusammen:

„Als Quästor in Spanien war auch Gades eine der Städte, die er zu bereisen hatte, dort ,zog beim Tempel des Hercules eine Büste Alexanders des Großen seine Aufmerksamkeit auf sich; er seufzte und war sozusagen seiner Trägheit ganz überdrüssig, weil er doch noch nichts Bemerkenswertes zuwege gebracht habe in einem Alter, in dem Alexander sich bereits den ganzen Erdkreis unterworfen habe“ (Sueton, Die Kaiserviten, Caesar, 7, 1).

Der Zweck des Bündnisses bestand in der gegenseitigen Unterstützung der jeweiligen politischen Ziele bzw. in der Karriereförderung. So wurde es schon in der Antike gesehen, es ging darum, dass „nichts im Staat geschehen solle, was einem der Drei missfalle“ (Sueton, Die Kaiserviten, Caesar, 19, 2). Das Jahr 60 v. Chr. kann man deshalb mit Fug und Recht als den eigentlichen Beginn des Untergangs der Römischen Republik benennen, denn nun bestimmten ca. sieben Jahre lang die Männer des Triumvirats die Richtlinien der Politik in Rom und nicht mehr der Senatsadel. Auch in der Antike war man sich der Bedeutung dieses Bündnisses bewusst, so schrieb Plutarch in seiner Caesar-Biographie:

„Denn nicht der Streit zwischen Caesar und Pompeius führte, wie die meisten glauben, zum Bürgerkrieg, sondern vielmehr ihre Freundschaft, indem sie sich zuerst zusammenschlossen, um die Macht des Adels zu brechen, und sich darnach in gleicher Absicht gegeneinander wandten.“ (Plutarch, Große Griechen und Römer, Alexandros und Caesar, Caesar 13)

Zur Durchsetzung ihrer Anliegen wurde zuerst Caesar als Konsul für das Jahr 59 in Stellung gebracht. Die Senatsaristokratie schlug zurück, indem als Kollege M. Calpurnius Bibulus, der Schwiegersohn des Optimatenführers Cato, eingesetzt wurde, der mit seinem Einspruchsrecht den Kollegen stoppen sollte. Außerdem sollten nach dem Willen des Senats den Konsuln des Jahres 59 nach Ablauf ihres Amtes als prokonsularische Aufgabe lediglich die Aufsicht über Forsten und Triftwege Italiens zugewiesen werden, was einer Verhöhnung des ambitionierten Caesars gleichkam.

All das aber waren nur hilflose Versuche einer Gesichtswahrung durch den Senat. Letztendlich setzte das Triumvirat unter offen demonstrierter Gewalt seine Vorstellungen gegen die Senatsaristokratie durch: Es wurde ein Ackergesetz zur Versorgung der Veteranen des Pompeius beschlossen. Die Verwaltungsakte des Pompeius in Kleinasien wurden alle bestätigt. Den Steuerpächtern der Provinz Asien (vor allem interessant für Crassus) wurde die zu begleichende Pachtsumme um ein Drittel erlassen. Und schließlich musste noch Caesar für die Zeit nach seinem Konsulat versorgt werden.

Im nichtrömischen Gallien sorgte der Suebenkönig Ariovist für Unruhe, so dass die Triumvirn für Caesar zum Schutz des Römischen Reiches ein fünfjähriges Imperium für die gallischen Grenzprovinzen und Illyricum beschließen ließen. Caesar nutzte diese Gelegenheit bekanntlich, um mit den eigens dafür aufgestellten Legionen ganz Gallien zu erobern, so dass er schließlich sowohl an Macht als auch an Prestige alle anderen Politiker in Rom überragte.

Notmaßnahme zur Rettung der Republik

Die Triumvirn verlängerten im Jahre 56 v. Chr. ihr bewährtes Bündnis für weitere fünf Jahre. Im 2. Konsulat des Pompeius 55 (zusammen mit Crassus) wurde dafür gesorgt, dass alle drei Triumvirn militärisch mächtig blieben, denn jedes der nun angesprochenen Imperien beinhaltete das Recht, zur Wahrnehmung der festgelegten Aufgaben weitere Legionen aufzustellen: Caesar erhielt ein weiteres fünfjähriges Imperium für Gallien, Pompeius für Spanien und Crassus für Syrien.

Auch Crassus wollte nun militärische Erfolge vorweisen und einen Feldzug gegen das Partherreich im Osten unternehmen. Dieser Versuch endete allerdings 53 in der Katastrophe von Carrhae, in der Crassus Schlacht und Leben verlor. Das Ende des Triumvirats führte zum Bürgerkrieg, da die übriggebliebenen Militärführer Caesar und Pompeius in einen immer größeren Gegensatz gerieten. Die politischen Spannungen in Rom hatten sich weiter verschärft, Schutz- und Schlägertrupps der verschiedenen Politiker, die sich um Ämter bewarben, terrorisierten die Straßen. In dieser chaotischen Situation näherte sich Pompeius wieder der Senatsaristokratie an. Der Senat sträubte sich zwar, Pompeius als Diktator zu akzeptieren, gestand ihm aber schließlich 52 v. Chr. für eine gewisse Zeit und unter Umgehung aller gesetzlichen Bestimmungen die außerordentliche Stellung eines consul sine collega zu, ein alleiniger Konsul ohne kontrollierenden Kollegen. Der Senat setzte einen Diktator ein, nannte ihn aber nicht so:

„Hierbei handelt es sich um eine staatsrechtliche Konstruktion, für die es keinen Präzedenzfall gab; sie war notwendig geworden, weil die Optimaten nach den Erfahrungen mit der Alleinherrschaft Sullas die Errichtung einer offenen Diktatur vermeiden wollten, Pompeius aber gleichzeitig die faktische Macht eines Diktators erhalten sollte. (…).
Das Ungewöhnliche seiner Stellung ist nicht nur in der Aufhebung des Prinzips der Kollegialität zu sehen, sondern vor allem in der Verbindung von Consulat und Proconsulat, von zivilem und militärischem Imperium. Es kam hinzu, daß Pompeius 52 aufgrund des senatus consultum ultimum umfassende politische Vollmachten besaß und auch über die in Italien ausgehobenen Truppen verfügen konnte. Mit den Prinzipien der republikanischen Verfassung war diese Stellung kaum noch vereinbar, die Republik existierte nur noch zum Schein, realiter hatte sie aufgehört zu bestehen. An ihre Stelle war ein autoritäres Regime getreten, dessen Kennzeichen das enge Bündnis zwischen dem Senat und einem Proconsul war, der über die notwendige militärische Macht verfügte, um die politische Ordnung im Sinn der Senatoren wiederum stabilisieren zu können.“ (Helmuth Schneider, Die Entstehung der römischen Militärdiktatur, Köln 1977, S. 216)

Für viele der Senatoren, die noch fanatisch an der Republik festhielten, war die Zusammenarbeit mit Pompeius sicherlich eine schwer zu schluckende Kröte, das Misstrauen ihm gegenüber hat dann auch keine Geschlossenheit auf die republikanische Seite erzeugen können. Wie bei Einsetzung des Diktators Sulla wollte man eben den Teufel mit Beelzebub austreiben. Viele Senatoren konnten durchaus erkennen, dass Pompeius ebenso wenig in die alten Strukturen der Republik einzugliedern war wie Caesar. Auch wenn statt Caesar Pompeius der Sieger geblieben wäre, hätte sich die Frage gestellt, wie der verbliebene Militärführer mit seiner ihm und eben nicht der Republik treu ergebenen Armee in die herkömmlichen Machtstrukturen gepasst hätte.

Zu keinem Zeitpunkt wurde in der senatorischen Oberschicht auch nur erwogen, an der überkommenen Verfassung etwas zu ändern, auch Caesar als späterer Alleinherrscher war dazu nicht in der Lage. Es wäre rein theoretisch möglich gewesen, den jeweiligen Militärführer der Republik in die Verfassung einzubauen, als einen von Senat und Volksversammlung bevollmächtigten Reichsfeldherrn und dauerhaft ernannten Oberbefehlshaber, der zur Bewältigung seiner Aufgaben dem engen Korsett von Annuität und Kollegialität entbunden gewesen wäre (der interessante Gedanke eines republikanischen „Reichsfeldherrn“ findet sich in der immer noch lesenswerten Darstellung „Krise und Untergang der römischen Republik“ von Karl Christ, Darmstadt 1979, S. 252). Mit dem Allein-Konsulat des Pompeius war man zwar in diese Richtung gegangen, aber man sah das nur als schwer erträgliche Notmaßnahme zur Rettung der Republik an.

Über den Rubicon

In den nächsten zwei Jahren schwenkte Pompeius wieder vollständig auf die Seite der Senatsaristokratie. Im Jahre 50 kulminierte der Gegensatz zwischen Caesar und der Senatspartei, die ihn inzwischen als den gefährlichsten Feind der Republik ansah. Am 7. Januar 49 wurde Caesar per Senatsbeschluss von seinem Kommando in Gallien förmlich abberufen. Damit wäre Caesar Privatmann gewesen und hätte von seinen Feinden vor Gericht gezerrt werden können.

Rekonstruktion des Theaters des Pompeius: Hier wurde Caesar erdolcht

Seine Reaktion war die Überquerung des Grenzflüsschens Rubicon, das seine Provinz Gallia cisalpina von Italien trennte, und der Marsch mit seinen Truppen auf Rom. Der Senat rief den Staatsnotstand aus und beauftragte Pompeius mit der Verteidigung der Republik. Doch Gaius Julius Caesar, in den zehn Jahren der Eroberung Galliens zum überragenden Feldherrn gereift, ausgestattet mit einem erprobten und ihm persönlich ergebenen Heer, schlug 48 v. Chr. das Heer des Pompeius bei Pharsalos (Pompeius Flucht nach Ägypten endete mit seiner Ermordung), 46 bzw. 45 die republikanischen Heere bei Thapsus und Munda.

Ab 45 v. Chr. konzentrierte sich die Macht im Römischen Reich in der Hand eines Mannes: Gaius Julius Caesar war in den brutalen Kämpfen um die Herrschaft in Rom übriggeblieben. Faktisch hatte Caesar eine Militärdiktatur errichtet, aber wie sollte er das staatsrechtlich auskleiden, sodass seine Position auch seiner tatsächlichen Macht entsprochen hätte?

Offenbar hatte Caesar bis zum Schluss keine genaue Vorstellung davon, wie er seine auf die Armee gestützte Alleinherrschaft letztendlich institutionalisieren sollte. Die Institutionen und Ämter der alten Republik bestanden weiter, und so bekleidete Caesar für die Jahre 48 sowie 46 bis 44 das Konsulat. Parallel dazu wurde er mehrmals zum Diktator ernannt. 46 schließlich zum Diktator auf zehn Jahre, im Februar 44 sogar auf Lebenszeit (dictator perpetuus). Diese Handlungsweise verweist auf den Diktator Sulla, der 82 v. Chr. eine Diktatur zur Wiederherstellung der staatlichen Ordnung angetreten hatte.

Caesars Absicht einer lebenslänglichen Diktatur zeigt eventuell die Richtung an, in die er staatsrechtlich gehen wollte. Aber welche Ordnung hätte er wieder aufrichten sollen, die Herrschaft der Senatsaristokratie bestimmt nicht. Zudem wäre in der Folge auch die die Frage nach einer formalen Übergabe der Macht an einen Nachfolger im Amt des Diktators zu klären gewesen, wenn die alte Ordnung keine Option mehr war. In den traditionellen Monarchien war die Nachfolgefrage zumindest theoretisch einigermaßen geregelt.

Fakt ist, dass es nach seinem Sieg im Bürgerkrieg zu einer Überhöhung der Person Caesars kam, die er durchaus zuließ:

„Caesar ließ sich wie ein göttlicher Herrscher vom Senat mit Ehren überhäufen. In der Öffentlichkeit durfte er, wie einst die römischen Könige, im Triumphalgewand und mit goldenem Lorbeerkranz auftreten; er erhielt den Ehrennamen parens patriae; seine Statue wurde im Tempel des Quirinus und unter denen der sieben Könige Roms aufgestellt; der Monat Quinctilis, der Geburtsmonat Caesars, sollte künftig Julius heißen, und zahlreiche andere neuartige Ehren wurden ihm angetragen und meist auch angenommen.“ (Jochen Bleicken, Geschichte der Römischen Republik, München 1982, S. 89)

Nach dem Beginn seiner Alleinherrschaft erfolgte, wie auch schon bei Pompeius Allein-Konsulat zu beobachten, eine Akkumulation von Machtbefugnissen auf den siegreichen Militärführer, die ohne Weiteres die Ausrichtung der römischen Innenpolitik auf einen unumschränkten Herrscher erkennen lässt:

„Der Bürgerkrieg und die anhaltende politische Polarisierung machten eine Wiederherstellung der republikanischen Verfassung jedoch unmöglich. Seine erste Diktatur hatte Caesar kurz nach den Consulatswahlen des Jahres 49 niedergelegt, nach dem Sieg bei Pharsalos übertrug der Senat in Rom Caesar die zweite Diktatur und gestand ihm darüber hinaus das Recht zu, fünf Jahre hintereinander das Consulat zu bekleiden. Außerdem erhielt Caesar die Kompetenz, über Krieg und Frieden zu entscheiden und die Promagistraturen in den Provinzen zu besetzen. Die Wahlen in Rom wurden bis zur Rückkehr Caesars verschoben, um ihm die Möglichkeit zu geben, die Wahl der ihm genehmen Kandidaten zu sichern. Mit diesen Senatsbeschlüssen setzte eine Entwicklung ein, in deren Verlauf die Rechtsverhältnisse den faktischen Machtverhältnissen angepaßt wurden, bis Caesar schließlich im Jahre 44 zum Diktator auf Lebenszeit ernannt wurde.

Im Bürgerkrieg war ein politisches System entstanden, das bereits die wesentlichen Kennzeichen einer Militärdiktatur besaß: Die politische Macht wurde unumschränkt von einem Armeeführer ausgeübt, die Armee war ein entscheidender Machtfaktor geworden. Die Volksversammlung und der Senat dagegen verkümmerten zu bloßen Akklamationsorganen ohne wirklichen politischen Einfluß.“ (Helmuth Schneider, Die Entstehung der römischen Militärdiktatur, Köln 1977, S. 238/39)

Geschickt getarnte Militärmonarchie

Diese Machtübertragungen wurden natürlich von einem Senat durchgeführt, in dem die Gegner Caesars deutlich in der Minderheit waren. Als Alleinherrscher regierte er durchaus volksnah und in der Tradition der Popularen, indem er z. B. kriminellen Angehörigen der Oberschicht das Vermögen einzog:

„Die Strafen für Verbrecher verschärfte er. Und weil die, die vermögend waren, deswegen eher geneigt waren, eine ruchlose Tat zu begehen, weil sie unter Wahrung ihres Besitzes ins Ausland in die Verbannung gehen konnten, bestrafte er Mörder; wie Cicero schreibt, mit dem Verlust ihres gesamten Vermögens, die übrigen Verbrecher mit dem des halben Vermögens.“ (Sueton, Die Kaiserviten, Caesar, 42, 3)

Sueton überliefert auch die abschätzige Äußerung Caesars zur Republik:

„Die Staatsverfassung sei ein Nichts, nur eine Name ohne Körper und Gestalt; Sulla sei politisch ein Analphabet gewesen, da er die Diktatur niederlegte; man müsse jetzt mit mehr Überlegung mit ihm sprechen und, was er sage, wie Gesetze achten.“ (Sueton, Die Kaiserviten, Caesar, 77, 1)

Es ist trotzdem eher unwahrscheinlich, dass Caesar eine Wiederherstellung des römischen Königtums angestrebt hat, auch wenn ihm das von seinen Feinden im Senat unterstellt wurde. Caesar war absolut klar, dass die Römer, die immer noch voll Verachtung auf die übriggebliebenen Könige der hellenistischen Welt herabblickten, einen „Rex“ nur als Tyrannen ansehen konnten. Die überkommenen Strukturen der Republik waren nicht mehr tragfähig, aber eine andere politische Ordnung war für die Zeitgenossen Caesars nicht vorstellbar.

Caesars Ermordung an den Iden des März 44 durch eine Gruppe senatorischer Verschwörer hat die sozialen und strukturellen Probleme der Republik nicht gelöst, denn auch danach ist sie nicht wieder auferstanden, sondern der Bürgerkrieg verlängerte sich um dreizehn bittere Jahre, bis dann Caesars Großneffe Oktavianus mit der Aufrichtung einer geschickt getarnten Militärmonarchie die Zeit der Bürgerkriege beendete. Die äußere Form der Republik wurde beibehalten, der neue Alleinherrscher, dessen Macht auf die Armee gestützt war, wurde nicht „Rex“ oder „Diktator“ tituliert, sondern „Princeps“.

Manchmal sind es eben die Begriffe, die die Realität erträglich machen, indem sie sie verschleiern.


Quelle und Kommentare hier:
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