Zurückpöbeln verboten!

von Hans Heckel

Wo der Hass schon in Ordnung geht, warum wir lieber die Klappe halten sollen, und wie man Bürger-Unmut wegpaternostert

PAZ23_24_Karikatur_8883d9fa6dViele Deutsche werden immer aggressiver und intoleranter. Es hat sich ein Pöbel ausgebreitet, für den es „normal“ geworden ist, Andersdenkende zu beleidigen,  zu verunglimpfen, zu bedrohen, ihre Wohnungen und Büros zu ramponieren und sie sogar körperlich anzugreifen. Anderen Leuten, auch wenn sie völlig abweichende Ansichten vertreten, ein Mindestmaß an Respekt zu zollen, gerät aus der Mode.

Die „Zeit“ diagnostiziert eine „massenhafte Enthemmung“. Das Blatt wollte nicht mehr schweigen und ließ Politiker, die Opfer von Hassattacken (meist zum Glück „nur“ verbal) geworden sind, zu Wort kommen.

Oder auch nicht. Unter den 27 Opfern, die in der „Zeit“ ihr Leid klagen durften, sind sieben SPD-Politiker, sieben Grüne, vier Linkspartei-Genossen, drei parteilose Kommunalpolitiker und sechs CDU-Vertreter, darunter Veteran Bernhard Vogel, der von seinen Erfahrungen aus der RAF-Zeit berichtet.

Werden auch AfD-Politiker oder Pegida-Demonstranten beleidigt, verunglimpft und attackiert aus politisch motiviertem Hass? Offensichtlich nicht, will uns die „Zeit“ wohl suggerieren.

Wie bitte? Und das nur ein paar Tage, nachdem AfD-Sprecherin Frauke Petry in Göttingen körperlich angegriffen wurde und nur Wochen, nachdem linke Täter versucht haben, Petrys Sprecherkollegen Bernd Lucke unter wüsten Beschimpfungen aus einem Zug zu drängen? Nein, das will uns die Zeitung natürlich nicht suggerieren. Schließlich ist man ein „Qualitätsmedium“, das seine Leserschaft ernstnimmt.

Was uns die „Zeit“ mit dieser delikaten Selektion mitteilt, liegt sittlich betrachtet noch etliche Schubladen tiefer als eine banale Lüge. Die Botschaft lautet:

Bedrohungen und Attacken gegen Politiker oder Bürger sind nicht der Rede wert, wenn sie Leute treffen, die dem linken Mainstream nicht in den Kram passen.

Das ist doch mal eine Ansage! Nach dieser Auswahl sind natürlich auch die Täterbeschreibungen sortiert, welche die 27 Opfer in der „Zeit“ abgeben. Bei den Bedrohern handelt es sich um Leute, die sich von der AfD, von Pegida oder Thilo Sarrazin haben inspirieren lassen, weshalb AfD, Pegida und Sarrazin gewissermaßen schuld sind an der Verrohung.

Linke Bedrohung existiert dagegen nicht, und wenn, dann nur noch in Bernhard Vogels fernen Erinnerungen. Und wenn etablierte Politiker „massenhaft enthemmt“ auf Pegida eindreschen mit Sprüchen wie „Nazis in Nadelstreifen“ oder „Mischpoke“, ist das gut und richtig. Sobald die derart verunglimpften Bürger dagegen hilflos zurückpöbeln, haben wir es mit Ekel erregenden  „Hassattacken“ zu tun, mit denen ein Niveau erreicht sei, „das um die Demokratie fürchten lässt“, so die „Zeit“.

Wir wollen uns lieber nicht vorstellen, was die Kollegen unter „Demokratie“ verstehen. Eine freiheitliche Ordnung, in der jeder, unabhängig von seiner Weltanschauung, die gleichen Rechte, den gleichen Schutz genießt und daher ohne Furcht von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch macht, vermutlich nicht.

Damit bewegen sie sich durchaus auf der Höhe unserer Zeit. Roland Tichy, der ehemalige Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, weist auf eine Umfrage des Allensbach-Instituts hin, welche den Stand der Meinungsfreiheit recht hübsch ins Bild setzt. Danach sind 30 Prozent der Deutschen der Auffassung, man solle besser vorsichtig sein bei dem, was man sagt. Beeindruckende 41 Prozent sind gar der Meinung, man solle zu bestimmten Dingen lieber überhaupt nichts sagen.

Das sind doch Zahlen, die sich hören lassen! Zumal man noch diejenigen hinzuzählen kann, die aus Stolz nicht zugeben mögen, dass sie eher die Zähne zusammenbeißen, als ihr politisches Herz auf die Zunge zu legen. Alles addiert haben wir die DDR schon fast wieder eingeholt.

Nun gibt es noch das Problem, dass die Meinungen nicht automatisch wegsterben, nur weil die Untertanen sich nicht mehr trauen, sie öffentlich zu sagen. In der DDR haben sich die ungesagten Meinungen mit der Zeit dermaßen aufgestaut, dass sie zum Schluss in einer einzigen Erup­tion hervorschossen und das ganze System wegbliesen.

Was, wenn auch wir längst  einen solchen Stau im Volk haben, der uns jederzeit um die Ohren fliegen könnte? Solche Ahnungen jagen einem Angst ein. Daher ist es kein Wunder, wenn die linke Politschickeria auf Erscheinungen wie Pegida oder AfD dermaßen hysterisch reagiert. „Geht es schon los?“, fragten sie sich bange.

Um das Volk zuverlässig unter Kontrolle zu halten, wirkt die Nazikeule offenbar nur noch bedingt. Das ist die bittere Erfahrung von Dresden. Doch es gibt noch andere Strategien zur Volkskontrolle – wie etwa diese hier: Man lenkt das Pack ab, schmeißt ihm irgendwelchen Blödsinn hin, über den es dann, politisch völlig ungefährlich, seine „Meinung“ sagen und Dampf ablassen kann.

Oder was meinen Sie, was die Vorschrift mit den Paternostern bewirken soll? Ab sofort darf in die alten Fahrstühle nur noch einsteigen, wer eine Art „Führerschein“ dafür gemacht hat, so der Ukas von Arbeitsministerin Andrea Nahles.

Selbstverständlich weiß die Regierung, dass Treppen viel gefährlicher sind als Paternoster. Zweifellos ist den Verantwortlichen also klar, was für einen Quatsch sie da beschlossen haben.

Aber darum geht es nicht: Wenn sich die Leute (und das werden sie tun) nun erst mal ausgiebig über die „Paternoster-Affäre“ aufregen, haben sie den Eindruck, endlich mal wieder frei und ohne Angst ihre Meinung hinausblöken und auf „die da oben“ schimpfen zu können. Das verschafft Luft und beruhigt die Seele.

Außerdem guckt dann keiner so genau hin, wie zur gleichen Zeit, also genau jetzt, verabredet wird, dass abermals deutsche Steuermilliarden durch den griechischen Schornstein gejagt werden. Dass die politisch gewollte „Zuwanderung“ weiterhin jedes Maß sprengt und dass sich bereits heute abzeichnet, dass aus der „Ausländer-Maut“ über die Bande der EU-Justiz am Ende doch eine Mehrbelastung der deutschen Autofahrer herausspringen wird.

All das bleibt fast unbeachtet, weil die Stammtische fürs Erste mit dem Paternoster-Ding beschäftigt sind. Nur eine Fußball-WM hätte die schönen alten Geräte für uns alle retten können. Dann hätte nämlich das Sportschauspiel die Ablenkungsaufgabe übernommen und die arme Frau Nahles hätte nicht den Clown spielen müssen, der die Bürger ablenkt, während sie bestohlen und hintergangen werden.

Neben der frisch inszenierten Groteske gibt es noch ein weiteres Instrument, um den Blick der Öffentlichkeit in die gewünschte Richtung zu lenken: den lange aufbewahrten Skandal.

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Immerzu hören wir von irgendwelchen Ungeheuerlichkeiten, oft sogar Jahr für Jahr in regelmäßigen Abständen von derselben Sache. Wann haben Sie das letzte Mal von unhaltbaren Zuständen in der Altenpflege gehört? Letzte Woche? Letzten Monat? Und seit wann geht das so? Seit Jahren und Jahrzehnten.

Doch es passiert nichts, alles läuft stur weiter, niemand sieht sich gezwungen, das Problem wirklich anzupacken. Der Skandal zieht sich hin.

Wollen Sie wissen, wann sich das, wenn überhaupt jemals, ändern wird? Wann die Sache endlich ein großes Thema wird? Das passiert in genau dem Moment, in dem ein mächtiger Akteur das Thema für seine ganz eigenen Zwecke gut gebrauchen kann und es deshalb an die größte erreichbare Glocke hängt.

So wie jetzt bei der Fifa: Alle wissen schon ewig, dass das ein korrupter Saustall ist, doch nichts geschah – trotz zahlloser Berichte, die einen zum Kochen brachten. Ausgerechnet drei Jahre vor der WM im verfemten Russland aber kam der Skandal plötzlich ins Rollen. Verblüffend, was?


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